- © AdobeStock/John Smith
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Es ist zehn Uhr vormittags auf dem Wiener Cobenzl und die Sonnenstrahlen sorgen für wohlige Wärme. Die Gerüche um uns herum sind Zeugen davon, dass sich der Wald nach längerem Regen in Aufbruchsstimmung befindet. Die Pflanzen präsentieren sich in saftigem Grün, die ersten Sommerblumen haben sich bereits ihren Weg durch den dichten Waldboden gebahnt. Auf einer kleinen Wiesenfläche an der Waldgrenze treffen wir die Yoga- und Mentaltrainerin Angelika Gierer. Unser Vorhaben: Waldbaden.

Wir betreten den noch mit Herbstlaub bedeckten, weichen und leise knisternden Waldboden durch ein imaginäres Tor. Schon der erste Schritt soll uns die Energie, Kraft und Ruhe spüren lassen, die dieser natürliche Lebensraum ausströmt. Schritt für Schritt tasten wir uns voran - über Geäst und Wurzeln. Tiefes, langsames Atmen lässt die energiegeladene wohlduftende Waldluft in den Körper und damit in jede einzelne Zelle strömen. Unter unseren Füßen spinnt sich ein weites Netz an Wurzelverbindungen, mit dem wir versuchen, Kontakt aufzunehmen. Wir tauchen ein in die Welt des Shinrin-Yoga.

"Shinrin-Yoga verbindet die heilsamen Erkenntnisse des japanischen Waldbadens mit der indischen Tradition von Atem-, Sinnes- und Bewusstseinsentfaltung" erklärt Angelika Gierer. Eine entschleunigte Stille-Wanderung, angereichert mit Sequenzen aus Aktiv-Meditation und erdenden Yoga-Elementen, soll uns die Anmut, die Stärke und die Geheimnisse der ältesten und größten Erdwesen - der Bäume - näherbringen. Und tatsächlich: Stress verschiebt sich in den Hintergrund. Das Waldweben öffnet eine innere Zeitoase und macht Platz für Welten des Wohlgefühls. Der Wald tut außerordentlich gut. Warum ist das so?

Wissenschaftlich belegt

Wissenschafter konnten messen, dass Waldluft um 90 Prozent weniger Staubteilchen enthält als Stadtluft. Und dass sie Stoffe beinhaltet, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Der japanische Waldforscher Qing Li weist dabei den Botenstoffen der Bäume eine zentrale Bedeutung zu. Er hat die Wirkung von Terpenen erforscht. Sie sind der Hauptbestandteil der in Pflanzen produzierten ätherischen Öle, dienen der Kommunikation zwischen den Bäumen und halten Schädlinge fern.

"Wir atmen den Duftcocktail der Bäume ein und nehmen ihn über unsere Haut auf", erklärt Li in der deutschen "Zeit". Er ließ Probanden in einem Hotel übernachten. Im Schlaf atmeten sie mit Terpenen angereicherte Luft ein. Am nächsten Tag nahmen Ärzte den Testpersonen Blut ab und stellten fest, dass die Zahl ihrer Killerzellen - also jene Untergruppe von weißen Blutkörperchen, die kranke Zellen erkennt und zerstört - deutlich angestiegen war. Waldluft regt das Immunsystem an.