Der deutsche Geruchsforscher Hanns Hatt von der Universität Bochum meldet Zweifel an. Er konnte zwar nachweisen, dass Düfte sogar dann wirken, wenn man sie gar nicht riechen kann, da die Nase alle chemischen Moleküle aus der Umgebung aufnimmt. Doch er gibt zu bedenken, dass es schwer sei, in Experimenten psychologische und pharmakologische Effekte auseinanderzuhalten. Hatt hält die Konzentration der Duft- und Botenstoffe der Bäume für zu gering, um Menschen quasi über Nacht gesünder zu machen. "Man müsste tagelang im Wald spazieren, damit die Menge ausreicht", betont er. Dass uns der Wald guttut, schreibt Hatt eher der Macht positiver Anker zu: "Die meisten Menschen erinnern sich an schöne Walderlebnisse, speziell aus der Kindheit."

Homo sapiens und die Natur

Kinder brauchen die Natur, berichtet ein Team um Myriam Preuss von der Universität Maastricht. Das Toben im Grünen schule nicht nur Motorik und Kreativität, sondern fördere auch die geistige Gesundheit. Für seine Studie wertete das Team Daten von 3585 Erwachsenen aus Spanien, den Niederlanden, Litauen und Großbritannien aus. Die Probanden wurden dazu befragt, wie oft sie als Kind in der Natur gewesen waren. Die Analysen zeigten: Wer sich als Kind häufig in Naturräumen aufgehalten hatte, schnitt in den Tests zur mentalen Gesundheit besser ab.

Evolutionär betrachtet, verbrachte der Homo sapiens den Großteil seiner Zeit in der Natur. In Japan sind Waldbesuche sogar Teil der Gesundheitsvorsorge. Der Begriff "Shinrin-yoku" für "Waldbaden" ist eine japanische Tradition. Seit 2012 gibt es an den Unis sogar einen eigenen Forschungszweig für "Waldmedizin".

Schon der Anblick von Wald tut gut. Eine der frühesten Studien zur gesundheitlichen Wirkung erschien 1984 in "Science". Demnach wirkt allein der Anblick von Bäumen messbar positiv. Patienten, die nach einer Operation aus dem Krankenhausfenster ins Grüne schauten, wurden schneller gesund als solche, die nur eine Hausmauer vor dem Fenster hatten. Die Patienten mit Baumblick benötigten auch weniger Schmerzmittel. Andere Forschungsteams haben sich mit der Wirkung von Bäumen gegen Zivilisationskrankheiten befasst. "Wald hilft gegen Depressionen, psychische Stressbelastungen und Burnout. Aber er kann auch vor ernsthaften chronischen Krankheiten schützen und sogar vor Herzinfarkt", fasst der österreichische Biologe und Buchautor Clemens Arvay zusammen.

Ob es die Luft reinigt, Wasser speichert oder Energie aus organischen Abfällen bezieht: Terpene bilden ein riesiges Kommunikationsnetz, die es den Gewächsen im Wald-Ökosystem ermöglichen, in symbiotischen Beziehungen zu leben. Gleichzeitig belebt der würzige Waldduft den Geist. Aus dem Yoga stammende Übungen bringen innere Energien in Fluss. Unter der Anleitung von Angelika Gierer brüllen wir kräftig wie Löwinnen. Das Simhasana, der Löwe, hilft, emotionale Spannungen zu lösen. Beim Aufstieg heißt es dann Summen wie Bienen. Die Bienenatmung massiert den Körper innerlich und wirkt sich beruhigend auf den Geist aus. Gestärkt und zentriert kommen wir oben an, wo wir dem Kommando "einen Baum umarmen" bereitwillig folgen.

Waldbaden reduziert Stress, fördert die Inspiration und stärkt die Empathie, erklärt Angelika Gierer. Von diesen Auswirkungen profitieren nicht nur einzelne Personen, sondern auch ganze Teams. "Dieses nonverbale, nicht sichtbare Schulen unserer Sinne stärkt die Verbundenheit", erklärt die Yoga-Trainerin. Man erhält einen neuen, frischen Zugang zum Gegenüber, was die Kommunikation und Zusammenarbeit innerhalb von Teams verbessert und damit auch die Innovationskraft von Unternehmen stärkt.