Laxenburg. Keine Gesellschaft oder Institution ist immun gegen Korruption. Berechnungen von Forschern des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) zufolge breitet sie sich aus wie eine Krankheit, wenn man nicht ständig vorsorgt, aber eine aufwendige, kostenintensive Therapie kann sie zurückdrängen. Das wichtigste Medikament dagegen sei "Transparenz", berichten sie im Fachjournal "Pnas".

Ein Team um Karl Sigmund und Ulf Dieckmann vom IIASA in Laxenburg bei Wien untersuchte die Ausbreitung von Korruption und die Effizienz diverser Behandlungsmöglichkeiten mit einem spieltheoretischen Modell, mit dem man zunächst die biologische und später die soziale Evolution studierte. "Korruption kommt in verschiedensten Kleidern: als Günstlings- oder Vetternwirtschaft, als Klientelwirtschaft, bei der man Güter und Leistungen gegen politische Unterstützung tauscht, und in Form von Veruntreuung öffentlicher Gelder", erklären die Wissenschafter in der Publikation.

In ihrer Arbeit widmeten sie sich speziell der Bestechlichkeit der Organe in öffentlichen Organisationen, die eigentlich absolut integer sein sollten: Das sind Menschen, deren Aufgabe es ist, asoziales, gesellschaftsfeindliches Verhalten zu ahnden. In staatlichen Organisationen sind das zum Beispiel Richter, Staatsanwälte und Polizisten, erklärt Sigmund.

Eigennützige Motive

Ebenso Beamte, die Bauvorschriften, technische oder schulische Standards durchsetzen sollen oder die Einhaltung unternehmerischer Richtlinien überwachen. Aber auch in privaten Institutionen gäbe es solche Personen, zum Beispiel Schiedsrichter im Sport, Journalisten, oder die Führungskräfte von Nichtregierungsorganisationen (NGOs).

Sie sollten eigentlich als "Wächter der Gesellschaft" wirken, sind aber selbst nicht vor eigennützigen Motiven gefeit, erklären die Forscher. Deshalb müsse man auch solche Wächter bewachen. Anti-Korruptionsmaßnahmen wären aber stets aufwendig und teuer. Wenn ein Staat oder eine Organisation ohnehin einen guten Ruf hat, meint man allzu oft, sich Vorsorgeaktionen sparen zu können. Dies sei ein Trugschluss. "Werden sie vernachlässigt, kann sich die Korruption ausbreiten, was zu einem Vertrauensverlust und einem Zusammenbruch der Kooperation führt", schreiben sie.

Eine solche Krise rufe in der Regel die Verantwortlichen auf den Plan, ihre Anstrengungen neu zu beleben und die Korruption innerhalb der Institutionen zu bekämpfen. Das verpasst diesem Übel in der Regel einen Dämpfer, Kooperation und Ehrlichkeit halten wieder Einzug, so die Forscher. Ist der Patient geheilt, werden die Anstrengungen, auf seine Integrität aufzupassen, aber gerne wieder vernachlässigt und ein neuer Krankheitszyklus nimmt seinen Anfang.

Wirksame Antikorruptionsmaßnahmen unterminieren demnach ihren eigenen Erfolg, meinen die Wissenschafter. Sie schaffen ein Umfeld, in dem man sie oft leichtfertig als unnötigen Aufwand ansieht. Wie das Modell zeigt, müssten sie aber auch in Gesellschaften und Institutionen aufrecht erhalten werden, wo Bestechlichkeit kaum verbreitet ist.

Investigativer Journalismus

Das wichtigste Heilmittel gegen die Korruption sei die Transparenz. Man müsse deshalb investigativen Journalismus und "Whistleblower" (interne Informanten, die Missstände bekannt machen) fördern, unter Umständen auch Satiriker, so Sigmund, für den "auch Reputationsmechanismen im Internetzeitalter ungeheuer wichtig geworden sind". Als Beispiel nennt er Bewertungen bei Online-Marktplätzen, für Restaurants bis hin zu Toiletten sowie "Likes" ("Gefällt mir") in sozialen Netzwerken.