Innsbruck.  Der Darm ist immer noch ein tabuisiertes Organ - doch Studien zeigen, dass die Zahl der jungen Menschen mit Dickdarmkrebserkrankung europaweit steigt. Verantwortlich für diese Entwicklung könnte laut Herbert Tilg, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) von der Medizinischen Universität Innsbruck, unter anderem der westliche Lebensstil sein.

Viel Fett, Fleisch und Kohlehydrate in der Ernährung und wenig Bewegung: "Diesen Trend gibt es eindeutig in Europa", sagte Tilg am Donnerstag bei einer Pressekonferenz anlässlich des Kongresses des ÖGGH in Innsbruck. Eine europaweite Studie zeigte, dass Dickdarmkrebs bei Menschen zwischen 20 und 29 um acht Prozent zugenommen hat. Für den Mediziner ist diese Entwicklung "ein Novum". Insgesamt ist die Krebsart die zweithäufigste in Europa.

Früherkennung entscheidend

Dennoch seien Menschen, die am öftesten an Dickdarmkrebs erkranken, über 50 Jahre alt. Männer würden häufiger an der Krebsart leiden als Frauen. Insgesamt erkranken in Österreich jedes Jahr rund 4.400 Menschen an Dickdarmkrebs, so Tilg. Laut Uwe Siebert von der Universität für Gesundheitswissenschaften UMIT in Hall in Tirol sterben rund 3.000 Menschen daran. Dabei gäbe es für die Früherkennung ideale Bedingungen. Noch gesunde Polypen könnten früh genug entdeckt werden, bevor sie sich Jahre später zum Krebs entwickeln.

Damit diese Prävention jedoch klappt, müssen die Patienten auch zur Vorsorgeuntersuchung gehen, sind sich die Experten einig. Aber die Zahlen zeigen, dass nur 20 Prozent der Risikobevölkerung - also Menschen zwischen 50 und 75 Jahren - tatsächlich einen Gastroenterologen aufsuchen. Deswegen fordert die ÖGGH die Umsetzung eines nationalen Screeningprogramms, da "70 Prozent der Darmkrebsfälle mittels einer Vorsorgekoloskopie verhindert werden können", betonte Monika Ferlitsch, Gastroenterologin von der Medizinischen Universität Wien.

Viele europäische Länder, wie etwa die Niederlande, Polen oder Tschechien, hätten ein solches bereits implementiert. Seit es beispielsweise in den Niederlanden umgesetzt wurde, nehmen 73 Prozent der Menschen mit erhöhtem Risiko diese Möglichkeit wahr. Dabei werden sie auch erinnert und aktiv kontaktiert, dass es Zeit für die Untersuchung ist, erklärte Ferlitsch.

Erste Ergebnisse

Auch für Österreich erarbeitete bereits der Hauptverband der Sozialversicherungsträger gemeinsam mit der UMIT ein Modell, wie es im Land umgesetzt werden könnte. Erste Ergebnisse zeigen, dass ein jährlicher Blutstuhltest oder eine Darmspiegelung alle zehn Jahre am effektivsten bezüglich der Restlebenserwartung sind, berichtete Siebert.

Neben dem gesundheitlichen Aspekt rechnen die Experten außerdem mit wirtschaftlichen Vorteilen: Die zehnjährliche Darmspiegelung wird als kostensparend, der jährliche Blutstuhltest zumindest als preiswert bezeichnet. Da die Risikogruppe aber immer jünger wird, empfehlen die Experten, bereits ab 40 Jahren präventive Maßnahmen zu ergreifen. (apa)