Wien. Stillen ist die optimale Form der Ernährung in den ersten Lebensmonaten und stärkt die Bindung zwischen der Mutter und ihrem Baby. Doch wie lange idealerweise gestillt werden sollte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Feste Nahrungsaufnahme beginnt in westlichen Industrieländern ab einem Alter von sechs Monaten. Gibt eine Mutter ihrem dreijährigen Kind noch die Brust, gilt sie als seltene Langzeitstillende. Orang-Utan-Weibchen füttern ihre Kinder hingegen bis ins neunte Lebensjahr mit ihrer Milch, bevor der Nachwuchs vollständig auf Früchte, Nüsse, Insekten, Eier und kleine Wirbeltiere umsteigt. Wenn jahreszeitlich bedingt weniger Leckerbissen zur Verfügung stehen oder zu wenig Regen fällt, bekommen die Kleinen Muttermilch.

Das Stillen ist in der menschlichen Entwicklung ebenso entscheidend wie der Beginn der Aufnahme von fester Nahrung: Beides fördert die Gesundheit von Kleinkindern. Dennoch sind viele Aspekte dieser Lebensabschnitte wenig verstanden. Neue Einblicke in die Evolution des Stillens zeigen, dass schon Frühmenschen die Stillzeit gegenüber dem Menschenaffen verkürzten. Das berichtet ein Team der Mount Sinai School of Medicine in New York im Fachmagazin "Nature". Die Wissenschafter haben untersucht, wie lange die ausgestorbene Menschenart Australopithecus africanus ihre Kinder zur Brust nahm.

Australopithecus africanus lebte vor zwei bis drei Millionen Jahren im südafrikanischen Hochland. Die Frühmenschenart vereinte Züge von Mensch und Menschenaffe. Das Forschungsteam rekonstruierte ihre Ernährungsgeschichte, indem es chemische Biomarker in den fossilen Zähnen zweier Individuen analysierte, die vor 2,6 bis 2,1 Millionen Jahren lebten. Ähnlich wie die Jahresringe in einem Baumstamm geben die Wachstumsmuster der Zähne Aufschluss über die Ernährung von Lebewesen. Im Speziellen suchten die Forscher nach dem Element Barium, das in der Milch enthalten und in der Muttermilch besonders reichhaltig vorhanden ist und sich im Zahnschmelz ablagert. So lange Kinder gestillt werden, nehmen sie große Mengen Barium zu sich. In den Schichten des Zahnschmelzes ist es mit dem Massenspektrometer zu sehen. Vor der Geburt und nach dem Abstillen sind die Barium-Werte im Zahn eindeutig niedriger.

Es zeigte sich, dass die Frühmenschen-Mütter ihre Neugeborenen ähnlich wie der moderne Mensch sechs bis neun Monate durchgängig stillten. Danach fiel die Barium-Konzentration im Zahnschmelz der untersuchten Individuen wieder ab. Nach dem ersten Geburtstag steigen sie allerdings wieder an, nur um sechs Monate später erneut zu sinken. Das Auf und Ab wiederholt sich bis zu einem Alter von vier oder fünf Jahren, womit die Stillmuster der Frühmenschen nicht nur jenen des Homo sapiens, sondern auch jenen der Menschenaffen ähnelten.

Mutter-Kind-Bindung stärken

Gleichzeitig veränderte sich im Verlauf der Jahre das Verhältnis der beiden Isotope Strontium-87 und Strontium-86 im Zahnschmelz kaum. Aus diesem Tatbestand schließen die Forscher, dass unsere Vorfahren das ganze Jahr auf kargem Karstboden lebten, anstatt mit den Tieren in ertragreichere Gebiete zu ziehen. Wenn also in Trockenzeiten die Nahrung ausging, begleiteten sie Zebras und Gnus nicht in Regionen, wo es mehr zu Essen gab, sondern sie blieben und fütterten ihre Kleinen wieder mit Muttermilch. Das war ihnen möglich, weil sie in den fruchtbaren Zeiten, die im Karstland nördlich von Johannesburg durchaus üppig ausfallen, genügend Fettreserven angesammelt hatten.

Die Reserven ermöglichten ihnen, ihre Kinder in einer sicheren Umgebung durch die Trockenzeit zu bringen. Neben Gnus und Zebras suchten nämlich auch wilde Tiere in den Dürreperioden das das Weite. Mütter der Art Australopithecus africanus mussten in den kargen Monaten somit nicht fürchten, ihr Leben oder das ihrer Kinder an die Löwen zu verlieren, und konnten die Mutter-Kind-Bindung in aller Ruhe stärken.