New York/Wien. Kaum jemand schleppt sie gerne mit sich herum, doch der Evolution sind sie eine Freude: Ohne Fettreserven ließen sich magere Zeiten kaum überleben. Tiere lagern die Fette aus üppigen Mahlzeiten im Körper ein. Bei Hunger zapfen sie das Lager als Energiequelle an. In der Natur, wo die Nahrungsversorgung vom Wetter abhängt, geht es nicht ohne. Je mehr die Fettpolster ausgeben, desto länger lassen sich Hungerperioden überleben.

Um seine Reserven einzuteilen, greift der Körper zu einem molekularen Trick, der die Fettverbrennung dosiert. "Wir haben einen Mechanismus entdeckt, der uns davor schützt, zu verhungern", erklärt Erstautorin Ann Marie Schmidt, Endokrinologin an der New York University. "Jedoch ist dieser Mechanismus in Zeiten des Überflusses ein Fluch. Für ihn sind Zellstress durch Überessen und Zellstress aus Hunger nämlich dasselbe. Er zieht in beiden Fällen bei der Fettverbrennung die Bremsen an", wird Schmidt in einer Aussendung ihrer Universität zitiert.

Ein Protein namens RAGE, das an der Oberfläche von Fettzellen sitzt, verhindert bei Stress den Abbau von eingelagertem Fett. Seine Existenz könnte zumindest teilweise erklären, warum die Menschen immer dicker werden.

Laut der Österreichischen Adipositas Gesellschaft sind allein hierzulande jede dritte Frau und jeder zweite Mann übergewichtig - jede zehnte Frau und jeder siebente Mann sogar adipös. In den USA sind nach den Zahlen der American Heart Assocation (AHA) sogar 70 Prozent der Bevölkerung betroffen. Das Protein RAGE verträgt sich offenbar schlecht mit Burger, Pommes & Co.

Schmidt und ihr Team gehen davon aus, dass es für die Evolution am effizientesten war, den Mechanismus gegen das Verhungern aus jenen bereits vorhandenen Systemen zu bauen, die Tieren helfen, sowohl Nahrung als Energie zu verwerten als auch Verletzungen zu heilen. In diese Urmechanismen mitverdrahtet wurde das Hormon Adrenalin, das bei der Flucht vor Fressfeinden Fett in Energie umwandelt, und bei Kälte Körperwärme erzeugt.

Die Angleichung hat zur Folge, dass die gleichen Signalproteine die Fettverbrennung ankurbeln - etwa bei Hunger, Kälte, Verletzungen oder Panik - und auch blockieren. Aus diesem Grund verwertet der Körper nicht nur bei Stress, sondern auch bei Überessen weniger Fett als üblich. Die Bremse wird immer fester angezogen - für all jene, die über längere Zeit zu üppig essen, entsteht ein metabolischer Teufelskreis.

Weniger Gewichtszunahme

AGEs (Advanced Glycation Endproducts) sind Abfallprodukte, die durch die Kombination von Blutzucker, Eiweiß und Fett entstehen, und zwar zumeist bei alternden, diabetischen oder übergewichtigen Personen. AGEs schalten das Protein RAGE an. Doch auch andere Moleküle aktivieren es, etwa wenn Zellen absterben und ihren Inhalt stressbedingt in die Zellzwischenräume abgeben. Beunruhigt zeigt sich Schmidt angesichts dessen, dass zunehmend mehr Fette und Proteine RAGE aktivieren, je mehr die Menschen essen. Für ihre Studie entfernte die Endokrinologin RAGE aus den Fettzellen von Mäusen. Trotz eines fettreichen Speiseplans nahmen die Nager im Laufe von drei Monaten um drei Viertel weniger Gewicht zu als die Kontrollgruppe. Bei einer zweiten Versuchsgruppe verlangsamten Transplantationen von Fettgewebe ohne RAGE die Gewichtszunahme.

Jene Fettzellen, in denen RAGE ausgeschaltet war, setzten den Bremsmechanismus, der den Fettverbrauch drosselt, außer Kraft. Das befreite den Energieverbrauch. Das Forschungsteam hält Anwendungen bei Patienten für möglich, denen heute nur noch mit Magenverkleinerungen geholfen werden kann.