Wien. Die Komplementärmedizin gerät unter Druck. Mit dieser Aussage ließ der Österreichische Dachverband für ärztliche Ganzheitsmedizin jüngst aufhorchen. So manche in den letzten Monaten gesetzten Schritte nähren diese Vermutung. So wurde im Winter 2018 an der Medizinischen Universität Wien das Wahlfach Homöopathie, als einziges aus dem Spektrum der komplementären Medizin, abgesetzt. An seiner statt wurde die Lehreinheit "Komplementärmedizin: Esoterik und Evidenz" ins Leben gerufen. Darin soll eine Reihe an Methoden, nicht nur Homöopathie, kritisch hinterfragt werden - auf Wirksamkeit, Plausibilität und Schädigungspotenzial, wie es heißt. Im Winter hatte sich die Wiener Patientenanwältin für ein Verkaufsverbot von Globuli in Apotheken ausgesprochen. Entgegen internationalen Trends hat jüngst auch Frankreich gehandelt. Franzosen erhalten homöopathische Arzneien nicht mehr bezahlt. Die Regierung bezweifelt die Wirksamkeit. Das Beispiel der vielkritisierten "Zuckerkugerln" steht hier nur stellvertretend für einen scheinbar negativen Trend, den Komplementärmediziner zu erkennen meinen. Es stellt sich die Frage: Welchen Stellenwert haben alternative Behandlungsmethoden überhaupt?

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das wusste schon Aristoteles. Und der Körper damit mehr als die Summe seiner Organe und Glieder. In der heutigen Medizin mit all ihren Spezialisierungen in kleinste Einheiten wird dies, so eine gängige Kritik, häufig außer Acht gelassen. Die ganzheitliche Sichtweise eines Menschen - neben Physis und Psyche auch das soziale und natürliche Umfeld - wird in der täglichen Routine kaum noch in den Fokus gerückt.

Zeit als wesentlicher Faktor

Die vielgeforderte Rückbesinnung auf das große Ganze erfordert vor allem eines - Zeit. Sich Zeit nehmen für den Patienten. Sich Zeit nehmen für die Untersuchung. Sich Zeit nehmen für das Gespräch. Die Komplementärmediziner, aber auch viele, vor allem sogenannte Wahlärzte mit schulmedizinischem Schwerpunkt, gehen damit Hand in Hand. In überfüllten Arztpraxen und Ambulanzen hingegen bleibt das eine schier unbewältigbare Herausforderung. Aber nicht, weil die Mediziner nicht wollen. Ein Weg in diese Richtung würde wohl massive Umbrüche im System erfordern.

In der Komplementärmedizin ist Zeit ein wesentlicher Faktor, um überhaupt erst Behandlungsschritte setzen zu können. Egal ob Traditionelle Chinesische Medizin, Kräuterheilkunde, Homöopathie oder manuelle Therapien - sie gemeinsam eint das ausführliche Patientengespräch im Vorfeld, um sich ein Bild von der Persönlichkeit sowie von der körperlichen und seelischen Verfassung des Gegenübers machen zu können. Ob Kräuter, Nadeln, Globuli oder manuelle Therapien wie zum Beispiel die Osteopathie zum Einsatz kommen, hängt wiederum von der Spezialisierung des Mediziners ab.

"Die Komplementärmedizin ist ein wichtiger Teil eines modernen diagnostischen und therapeutischen Angebots", betont Michael Frass, Präsident des Österreichischen Dachverbandes für ärztliche Ganzheitsmedizin. Das sieht auch die Weltgesundheitsorganisation so. Mit der Traditional Medicine Strategy 2014-2023 will die WHO die Richtung vorgeben, in die sich die traditionelle und komplementäre Medizin in den nächsten Jahren entwickeln soll.

Die Nachfrage seitens der Bevölkerung nach den Behandlungsmethoden ist groß und im Steigen. Zudem gibt es in vielen Ländern seit Jahren entsprechende Bestrebungen im Bereich Ausbildung und Forschung. Federführend sind die USA mit ihrem National Center for Complementary and Integrative Health. Im Rahmen der Forschungstätigkeit soll geklärt werden, welche Ansätze reine Versprechen sind, welche helfen und warum, was nicht funktioniert und was sicher ist, so auf der Webpage.

Der Blick in die Welt

In Deutschland ist etwa die Charité in Berlin in die Forschung vertieft. Der Projektbereich Komplementäre und Integrative Medizin am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie will die Lücke zwischen Therapierealität und wissenschaftlichem Kenntnisstand schließen. Seit knapp 20 Jahren forschen verschiedene Teams des Instituts unter Verwendung anerkannter wissenschaftlicher Methoden zu verschiedenen komplementärmedizinischen Verfahren und Anwendungsbereichen, heißt es. Jüngst wurde auch der Universität Tübingen ein entsprechender Lehrstuhl zugesprochen.

Europaweit ist wohl die Schweiz das Mekka der Komplementärmedizin. Vor zehn Jahren wurde sie in einem Verfassungsartikel verankert. Die Methoden sind seit 2017 Bestandteil der medizinischen Grundversorgung. So der Status quo im Nachbarland. In Österreich sind auf universitärer Ebene die Sigmund Freud Universität in Wien und die Johannes Kepler Uni in Linz mit eigenen Wahlfächern zumindest in der Lehre aktiv.

An der Medizinuniversität Wien will man vor allem kritisch hinterfragen. "Kritik ist generell in der Medizin angebracht. Ich unterscheide da gar nicht zwischen sogenannter Schulmedizin und sogenannter Komplementärmedizin", sagt Andreas Sönnichsen, Professor für Allgemeinmedizin und Familienmedizin an der Medizinuni Wien und Lehrender für das Wahlfach "Komplementärmedizin: Esoterik und Evidenz", im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Mit dem Wahlfach, das im Wintersemester wieder angeboten werden soll, "verfolgen wir in erster Linie das Ziel, generell zu fragen, was ist Esoterik und wo gibt es Evidenz. Der Titel heißt bewusst so, weil es auch Dinge gibt für die es, wenn auch schwache, wissenschaftliche Belege oder Hinweise gibt." Und: "Wir wollen den Studierenden beibringen: Bevor ihr irgendetwas glaubt, schaut genau hin." Grundsätzlich sollte ein Arzt nicht nur ein Organ oder eine Erkrankung im Blick haben, sondern die Beschwerden des Patienten im Gesamtkontext dieser Person sehen, betont auch Sönnichsen.

Er widmet sich im Rahmen des Angebots der Universität dem Thema Suggestion und Placebo in der Medizin. "Wenn wir das nicht hätten, könnten wir in sehr vielen Fällen mit der gesamten Medizin einpacken." Sehr viele komplementärmedizinische Methoden würden letztendlich mit diesen Techniken arbeiten. Also alles Placebo?

Drängen auf Forschung

Die Ganzheitsmedizin habe wissenschaftlich nachvollziehbare Grundlagen, es gebe inzwischen eine Vielzahl von Studien über komplementärmedizinische Verfahren, betont dagegen Frass. "Wir bemühen uns um eine immer bessere Evidenz der Forschung, doch dafür brauchen wir geeignete Strukturen und eine Basis für die Finanzierung, die leider völlig fehlt", klagt der Mediziner. Lehre und Forschung seien zwei wichtige Aspekte. Denn: "Die Unkenntnis der Heil- und Gegenanzeigen komplementärer Behandlungen kann etwa zu unerwünschten Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Therapien führen."

Die Komplementärmedizin bietet zahlreiche Möglichkeiten und die Schulmedizin werde dabei nichts verlieren, sie habe ja "auch nicht das Patentrezept für jedes Leiden auf der Welt", betont Wolfgang Marktl, Leiter der Wiener internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin. "Der Vorwurf, dass das alles unwissenschaftlich und Esoterik ist, ist Unsinn." "Für esoterische Themen oder andere nichtmedizinische Quellen stehen wir nicht zur Verfügung", stellte auch Hannes Schoberwalter, Leiter des Referats für Komplementäre und Traditionelle Medizin der Ärztekammer für Wien, schon vor einiger Zeit klar.

Kein Platz für Esoterik und Co. Darüber sind sich alle einig. Dennoch werden weiter Zweifel und Kritik im Raum stehen bleiben. Und beiderseits Unverständnis für das Vorgehen des jeweiligen Pendants. "Miteinander ist das, was sinnvoll ist", sagt Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog. Am Ende des Tages drehe sich alles darum, wie es dem Patienten geht. "Das darf man nie vergessen bei der ganzen Diskussion."