- © Eva Stanzl
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So sehr die Erinnerung die Persönlichkeit eines Menschen ausmacht, so sehr ist sie im Kern ein biologischer Prozess. Ob etwas im Langzeitgedächtnis stabil gespeichert oder bald wieder vergessen wird, hängt von einem Protein in den Gehirnzellen ab, berichtet der in Österreich geborene, von den Nazis vertriebene Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel. Mit zunehmendem Alter kann es sein, dass wir mehr Dinge vergessen. Allerdings lässt sich altersbedingte Demenz auch rückgängig machen, sagt Kandel im Interview mit der "Wiener Zeitung": Alles, was nötig ist, sei ein täglicher Spaziergang. Das Interview wurde am Rande des Austrian Science and Innovation Talk, der auf Einladung des Wissenschaftsministeriums und des Rats für Forschung und Technologieentwicklung besucht wurde, in New York geführt.

"Wiener Zeitung": Demenz zählt zu den größten Problemen einer alternden Gesellschaft. Es gibt aber immer mehr Hinweise, dass regelmäßige körperliche Aktivität den Ausbruch der Alzheimer-Erkrankung verzögern könnte. Würden Sie dies bestätigen?

Eric Kandel: Viele Teams arbeiten an Alzheimer, doch es gibt zwei Probleme: die Alzheimer-Erkrankung, die mit dem Alter eintreten kann, und parallel dazu eine mildere, aber häufigere Form der Demenz namens altersbedingter Gedächtnisverlust. Dieser interessiert mich derzeit. Es gibt Anzeichen, dass man altersbedingten Gedächtnisverlust nämlich rückgängig machen kann, insbesondere wenn man früh damit beginnt. Ermutigende Anzeichen überzeugen mich, dass man diese Form durch regelmäßiges Spazierengehen aufheben kann. Der Grund, warum es wirkt, ist, weil die Knochen ein Hormon namens Osteocalcin ausschütten. Im Gehirn macht dieses Hormon altersbedingten Gedächtnisverlust rückgängig.

Demenz verschwindet durch Gehen?

Je öfter und regelmäßiger sich die Knochen bewegen, desto mehr Osteocalcin schütten sie aus. Wir haben gesehen, dass das in Tierversuchen sehr gut funktioniert: Gehen ist einer der besten Wege, um den Ausbruch dieser Erkrankung zu verhindern, und wenn sie bereits ausgebrochen ist, wieder zu heilen. Wobei jede Form der Bewegung eine fantastische Lösung für dieses Problem ist.

Sie feiern Ihren 90. Geburtstag am 7. November in Wien. An der Columbia University gehen Sie nach wie vor einer Vollzeit-Anstellung nach. Wären Sie der Gleiche, wenn Sie mit 65 Jahren in Pension gegangen wären?

Sicherlich nicht. Dass man in den Vereinigten Staaten nicht in Pension gehen muss, ist eines der wunderbaren Dinge am Leben hier. So lange man einen angemessenen Job macht, wird man sogar ermutigt, zu bleiben. Das ermöglicht intellektuelle und soziale Beteiligung am Leben und sie wiederum betätigt das Gehirn, wovon der psychische Zustand und die intellektuelle Funktionsfähigkeit profitieren. Wer in den Ruhestand geht, kommuniziert mit dem Partner, der Familie und Freunden. Der Austausch mit Kollegen und vielen anderen Menschen im Beruf stellt die größere Herausforderung für das Gehirn dar. Zellen, die miteinander kommunizieren, werden aktiv. Neue Synapsen bilden sich, während existierende am Leben bleiben. Es ist wie ein Fitnesstraining.