Ein Beckenknochen des Menschenaffen-Vorfahren Rudapithecus zeigt die Entwicklung hin zur Zweibeinigkeit. - © Carol Ward
Ein Beckenknochen des Menschenaffen-Vorfahren Rudapithecus zeigt die Entwicklung hin zur Zweibeinigkeit. - © Carol Ward

Columbia/Wien. Rudapithecus ist ein wenig erforschter Geselle. Die einzigen fossilen Überreste wurden in Nordungarn im ehemaligen Bergbau-Ort Rudabanya gefunden. Analysen der Zähne und Knochen zeigten, dass dieser Vorfahre des Menschenaffen vor zehn Millionen Jahren lebte. Ein US-Team hat seinen Beckenknochen im Detail untersucht und festgestellt, dass schon Rudapithecus in der Lage gewesen sein könnte, aufrecht zu stehen und vielleicht sogar zu gehen. Das Fossil könnte den ältesten Beleg für die ersten Schritte hin zum modernen Menschen darstellen, berichten die Forscher im "Journal of Human Evolution".

Als älteste Spur des aufrechten Gangs gelten die versteinerten Fußspuren von Laetoli in Tansania. Sie stammen von drei Vertretern der Art Australopithecus afarensis, die so wie der Homo sapiens der Gattung Homo angehörten. Die Frühmenschen liefen vor 3,6 Millionen Jahren durch die feuchte Asche eines ausbrechenden Vulkans. Die Sonne härtete ihre Fußspuren aus. Der älteste Nachweis für den aufrechten Gang am Bewegungsapparat gelang bei "Lucy", eines der best erhaltenen Skelette der frühen Homini-Arten. Der Bau ihres Beckens und ihres Oberschenkels zeigen Zweibeinigkeit.

Die Wurzeln dieser besonderen Fähigkeit werden schon lange im mittleren Miozän vor etwa zehn Millionen Jahren bei Vorfahren der Menschenaffen vermutet. Diese wechselten von einer nach vorne geneigten, vierbeinig über Äste schreitenden Gangart zu einer unter den Ästen hangelnden Fortbewegungsweise, was eine Umgestaltung von Armen, Beinen und dem Rumpfskelett erforderte und eine Voranpassung für die zweibeinig-aufrechte Fortbewegung darstellte. Der seltene Rudapithecus könnte den ersten direkten Nachweis für diese These liefern. Das Becken gilt unter Anthropologen als einer der informativsten Teile des Skeletts. Allerdings ist es selten erhalten. Die Skelettfunde hatte David Begun, Professor für Anthropologie an der kanadischen Universität Toronto, entdeckt. Seine Untersuchungen der fossilen Überreste von Gliedmaßen, Kiefer und Zähnen hatten ergeben, dass Rudapithecus ein Verwandter des modernen afrikanischen Menschenaffen und somit auch des Menschen war, obwohl er erstaunlicherweise in Europa gefunden wurde. Um die Körperhaltung und die Art der Fortbewegung mit Hilfe von 3D-Modellen zu erforschen, kollaborierte Begun mit Carol Ward, Professorin für Pathologie und Anatomie an der Universität Missouri in Columbia.

"Rudapithecus war affenartig und schwang sich vermutlich wie seine heutigen Artgenossen von Ast zu Ast, kletterte mit den Armen und aufrechtem Körper", wird Studienleiterin Ward in einer Aussendung ihrer Universität zitiert. "Aber er hatte eine flexible Lendenwirbelsäule. Das könnte bedeuten, dass er sich ähnlich wie Menschen aufrecht auf dem Boden fortbewegen konnte, auf jeden Fall aber konnte er stehen."

Ursprünge wurzeln tiefer

Menschenaffen haben ein langes Becken und eine kurze Lendenwirbelsäule, weswegen sie typischerweise auf dem Boden auf allen vieren gehen. Menschen haben eine längere, flexiblere Lendenwirbelsäule, die es ihnen erlaubt, aufrecht zu stehen und zügig auf zwei Beinen voranzuschreiten.

Der aufrechte Gang ist ein Markenzeichen der menschlichen Evolution. Ward zufolge wäre es ein massiver Schritt für Frühmenschen gewesen, wenn sie sich direkt vom Menschenaffen zum aufrechten Homo entwickeln hätten müssen. Sie hätten erhebliche Korrekturen an der Wirbelsäule und am Becken vollziehen müssen. Wenn sie jedoch aus einem Vorfahren wie Rudapithecus entstanden wären, wäre der Übergang zur aufrechten Gangart auf direktem Weg abgelaufen. Hinzu käme die Tatsache, dass der kleinere Rudapithecus einen flexibleren Oberkörper hatte als die großen Menschenaffen. "Das ist interessant, da es Hinweise gibt, dass menschliche Vorfahren anders gebaut waren als moderne afrikanische Affen, ihre Ursprünge somit weiter zurückreichen könnten", sagt Ward.