Reisen ins All fordern nicht nur das technische Können, sondern auch den Kopf. Da der Mensch nicht mit beiden Beinen auf dem Boden steht, fehlen ihm die Referenzpunkte für den Raum. Zudem nimmt er die Zeit anders wahr, sagt der Neurobiologe Gilles Clement, der den Effekt der Schwerelosigkeit an Astronauten für die Nasa untersucht. Der Forschungsdirektor des Instituts für Neurowissenschaften im französischen Lyon referiert am Samstag beim "Brainstorms"-Festival in Wien, das internationale Experten zu Hirnforschung und Künstlicher Intelligenz geladen hat. Der "Wiener Zeitung" gab er ein Interview vorab.

"Wiener Zeitung": Ihr Forschungsgebiet ist die Mikrogravitation, die Menschen und Objekte schwerelos erscheinen lässt. Welcher Zustand ist das genau?

Gilles Clement: Wir sagen Mikrogravitation zum Zustand auf der Internationalen Raumstation (ISS), die über der Erde in einer Höhe von 300 bis 400 Kilometer kreist. Dort existieren noch ein klein wenig Schwerkraft und Atmosphäre. Ich erforsche, wie dieser Zustand die Wahrnehmung verändert.

Wie ändert Mikrogravität die Wahrnehmung?

Auf der Erde stehen wir senkrecht und schätzen die Entfernung unserer Augen zum Boden ab. Aus dieser Position bemessen wir auch die Entfernung von Objekten. In der Schwerelosigkeit schweben wir frei, verlieren die Position. Alles, was wir in der Räumlichkeit erblicken, in der wir uns befinden, ist uns sehr nahe, weil die Räumlichkeiten im All beengt sind. Alles außerhalb ist aber sehr weit weg, die Sonnenpaneele an der Außenseite der ISS sind 100 Meter entfernt, die Erde 400 Kilometer, die Sterne Millionen von Kilometern. Es gibt also nichts in mittleren Entfernungen von fünf oder zehn Metern. Zudem fehlen die vertikalen Linien von Häusern oder Bäumen und die Horizontalen von Straßen, Wegen oder dem Horizont, und damit die Perspektive. Dem Gehirn fehlen Hinweise für Tiefe und Distanz und damit für Größe. Unsere Tests haben gezeigt, dass die Astronauten auf der ISS eine andere Wahrnehmung haben. Einen Würfel sehen sie als Quader, weil die Seitenlängen anders erscheinen. Objekte erscheinen länger und tiefer. Zudem unterschätzen die Astronauten Entfernungen: Je weiter ein Objekt entfernt ist, desto größer ist die Fehleinschätzung. Bei Außenarbeiten auf der ISS benötigen sie spezielle Messgeräte, damit sie keine Fehler machen können, wenn die Augen das falsche Maß ansetzen.

Wie ist es mit der Perspektive?

Sie kann sich umkehren. Menschen im All können Objekte aus verschiedenen Winkeln sehen, weil sie ja ständig die Position ändern und Objekte auch von unten betrachten.