Unfälle im Straßenverkehr zählen zu den zehn häufigsten Todesursachen. Bei Menschen zwischen 15 und 29 Jahren sind sie die häufigste Todesursache. Im Zeitraum von 2015 bis 2030 werden sie einen weltweiten volkswirtschaftlichen Schaden von mindestens 1,8 Billionen US-Dollar anrichten. Umgerechnet sind das 1,63 Billionen Euro gesamt oder 110 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Zahlen hat ein Forschungsteam mit Beteiligung des Instituts für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) berechnet. Für Österreich liege der Verlust bei insgesamt 4,9 Milliarden oder rund 326 Millionen Euro pro Jahr.

Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin "The Lancet - Planetary Health" veröffentlicht. Die Arbeiten wurden im Rahmen eines US-Forschungsprogramms der Universität Harvard zur Berechnung der makroökonomischen Kosten von Krankheiten durchgeführt.

Das Team untersuchte die wirtschaftliche Belastung, die alle Verkehrsunfälle auf den Straßen von 166 Ländern verursachen, im Bezug auf Arbeitskraft, Qualifikation, Behandlungskosten und Unfallversorgung. Einschränkung: "Wir berücksichtigen die durch Personenschäden bedingten Kosten, nicht aber persönliches Leid, das unmessbar ist. Aus diesem Grund stellen unsere Zahlen eine Untergrenze für die enormen Verluste dar", sagt ÖAW-Demograf Michael Kuhn zur "Wiener Zeitung".

Nicht berücksichtigt wurden auch individuelle wirtschaftliche Schäden durch Einkommensentgänge und Kosten, die dem Gesundheitssystem durch die Behandlung von Unfallpatienten entstehen (aber an Ärzte, Spitäler und medizintechnische Firmen in Form von Gehältern, Budgets und Honoraren zurückfließen). Den Forschern ging es um Behandlungskosten und mit unfallbedingten Arbeitsausfällen verbundene Verluste an Investitionen in die Volkswirtschaft, sowie um Investitionen in die Unfallversorgung, die der Staat ansonsten für Bildung und Wachstum ausgeben würde.

Verlust an Lebensjahren

Allein 2013 starben auf der ganzen Welt 1,25 Millionen Menschen an den Folgen von Unfällen im Straßenverkehr. Das sind fünf Mal so viele Todesopfer, wie der Tsunami im Indischen Ozean 2004 forderte. Die von den Forschern bis 2030 berechneten Kosten übertreffen das jährliche Bruttoinlandsprodukt der zehntgrößten Volkswirtschaft Kanada. Allerdings sind die Lasten ungleich verteilt. Am teuersten kommen Verkehrsunfälle die Wirtschaftsleistung der USA zu stehen, gefolgt von China und Indien. "Chinas Bevölkerung ist zwar größer als jene der USA, doch die Menschen in den Staaten sind gesamtwirtschaftlich produktiver und die Löhne höher", erklärt Kuhn. Österreich liege insgesamt "gut im Mittelfeld", während die Schweiz angesichts höherer Einkommen und einer teureren Gesundheitsversorgung um einiges mehr aufbringen müsse.

In Ländern mit hohem Einkommen spielen Behandlungskosten mit 31,5 Prozent eine deutlich größere Rolle als in Ländern mit niedrigem Einkommen, wo sie 3,9 Prozent betragen. "Reiche Länder mit guten, teuren Gesundheitssystemen geben mehr für die Behandlung aus und mehr Patienten überleben", sagt Kuhn. Eine Ungleichverteilung stellt das Team auch im Zusammenhang mit dem Verlust an Lebensjahren fest. Insgesamt gingen 2015 weltweit 70 Millionen Lebensjahre durch Verkehrsunfälle verloren, 90 Prozent davon in Ländern mit geringen oder mittleren Einkommen. Zugrunde liegen hier ein höherer Anteil an schwächeren Verkehrsteilnehmern, wie Rad- oder Motorradfahrer, eine schlechtere Notfallversorgung und weniger strenge Verkehrsregeln. Dennoch machen die ökonomischen Verluste dort nur 46 Prozent der weltweiten volkswirtschaftlichen Einbußen aus. Das liege daran, dass Arbeitskräfte in Ländern mit hohem Einkommen typischerweise besser ausgebildet sind. Der gleiche Verlust an Lebensjahren bedeute also hier einen höheren ökonomischen Schaden.

Kosten auch junge Verkehrsopfer die Volkswirtschaft mehr, zumal sie eine lange Berufslaufbahn vor sich haben? "In Schwellenländern mit junger Bevölkerung sind die Verluste durch Ausfälle bei der Arbeitskraft größer als die Kosten für die Behandlung", antwortet Kuhn. Daraus ließe sich durchaus schließen, dass junge Verkehrsopfer teurer seien. "In jedem Fall beeinflussen Unfälle das Entwicklungspotenzial eines Landes."