Dieses Beispiel bezieht sich aber nicht direkt auf Aberglauben, sondern auf die Richtigkeit einer zunächst als unwissenschaftlich abgetanen These.

Das ist richtig. Aber es geht auch um das Sehen von Ähnlichkeiten, das in diesem Fall kreativ war. Als Pendant dazu habe ich das Ähnlichkeiten-Sehen im Zufallsprotoplasma des Spermiums genannt, als das Mikroskop erfunden wurde. Man hat sich eingebildet, das Menschlein müsse schon in der Samenzelle vorhanden sein, und hat gesehen, was man sehen wollte. Das konnte sich nicht halten, weil die Mikroskope besser geworden sind, man die Menschlein nicht mehr sehen konnte und es sich nicht einbetten ließ in eine übergeordnete Theorie, was aber bei Wegener der Fall war.

Sie brachten hier auch interessante Beispiele aus der Verhaltensforschung. Was lernen wir etwa aus den Versuchen mit dem T-Labyrinth?

Dazu eine Vorbemerkung: Wenn Leute mehrmals im Kopf einen Würfel werfen, dann trauen sie sich zu wenig oft, die gleiche Zahl unmittelbar zu wiederholen, also 2 und 2 oder 4 und 4. Das kann man auch beim Tier zeigen, nicht beim Würfeln, aber wenn man es ein Labyrinth erkunden lässt, ohne dass es irgendwo eine Belohnung gibt. In einem T-Labyrinth gehen 50 Prozent nach links und 50 Prozent nach rechts. Wenn sie Tiere zwingen, in die eine Richtung zu gehen, dann gehen sie später bei freier Wahl zu 80 Prozent in die andere. Dieses spontane Wechseln zeigte sich in Versuchen mit Ratten, mit Fischen, Insekten, Würmern, Kellerasseln, sogar mit Einzellern wie Amöben. Wir haben sogar ein Experiment mit Spermien durchgeführt - mit dem gleichen Ergebnis. Das ist analog dazu, wenn wir im Kopf beim Würfeln versuchen, Zufall zu generieren. Beim wirklichen Würfel kommt viel öfter bei mehreren Würfen die gleiche Zahl. Uns ist das suspekt, zweimal das Gleiche ist für uns keine Zufallsfolge! Wir haben das Gefühl, es müsste eine Bedeutung haben, wenn das passiert.

Kann die Wissenschaft den Aberglauben abschaffen? Soll sie es versuchen?

Wir können es nicht. Wir sollten nur die Leute sensitiv dafür machen, dass er zum Leben gehört und dass wir uns immer auf die Finger schauen sollten: Habe ich jetzt nicht abergläubisch gedacht?

Ertappen Sie sich selbst manchmal bei Formen von Aberglauben?

Ja, es gibt dieses zwanghafte Nicht-auf-die-Fugen-Treten auf dem Gehsteig, aber das ist spielerisch, ich denke ja nicht, dass andernfalls die Welt zusammenbricht.