- © dpa/Christian Charisius
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Über "Wissenschaft & Aberglaube" wurde am 24. und 25. Oktober auf dem Österreichischen Wissenschaftstag der Österreichischen Forschungsgemeinschaft in Baden bei Wien referiert und diskutiert. Einen spannenden Vortrag lieferte dabei der Schweizer Neuropsychologe Peter Brugger zum Thema "Aberglauben und Überleben".

"Wiener Zeitung": Inwiefern hilft der Aberglaube beim Überleben?

Peter Brugger: Der Aberglaube ist der Preis, den wir für eine sehr wichtige Überlebensfunktion bezahlen müssen, das Sehen von Bedeutung in Zufallsmustern. Evolutionsbiologisch ist es extrem wichtig, dass wir einen ganz feinen Wahrnehmungsapparat haben, damit wir auch in unscharfen Bildern Gefahren rasch entdecken können. Ich habe als Beispiel das Savannengras gebracht und den Tiger, der sich mit seinen Streifen in diesem Gras tarnt und uns fressen will. Wir können entweder überall Tiger sehen und immer wegrennen, auch wenn gar kein Tiger da ist. Oder wir können den Tiger nicht sehen, wenn er wirklich da ist. Und da ist es von selektivem Vorteil für eine Art, nicht nur für den Menschen, wenn wir lieber ein bisschen zu viel sehen. Dann können wir überleben und unsere Gene weitergeben. Wenn unser Wahrnehmungsapparat fein gestimmt ist, sehen wir eben Dinge, die gar nicht da sind.

Peter Brugger, geboren 1957 in Zürich, leitete von 2003 bis 2019 die Abteilung für Neuropsychologie des Universitätsspitals Zürich und ist seit Juli 2019 Abteilungsleiter der Neuropsychologie an der Rehabilitationsklinik Valens. - © Boberski
Peter Brugger, geboren 1957 in Zürich, leitete von 2003 bis 2019 die Abteilung für Neuropsychologie des Universitätsspitals Zürich und ist seit Juli 2019 Abteilungsleiter der Neuropsychologie an der Rehabilitationsklinik Valens. - © Boberski

Das ist dann Aberglaube?

Ja, aber nicht nur Aberglaube. Wenn wir etwa in den Wolken Figuren sehen, ist das nicht unbedingt abergläubisch. Solange wir nicht sagen, da ist jetzt wirklich ein Mann im Himmel, der uns beobachtet, kann das eine kreative Spielerei sein. Aber in abstrakteren Situationen kann das schon abergläubisch werden.

Wie definieren Sie Aberglaube? Was ist typisch für abergläubische Menschen?

Rituale. Die enge Definition von Aberglauben ist vielleicht, dass man Korrelationen als Kausalitäten interpretiert. Man kann das etwa auf den Regentanz anwenden. Da tanzt und tanzt man, und wenn man genügend lang tanzt, beginnt es irgendwann zu regnen. Beim nächsten Mal hat man ein bisschen länger Kraft, weil man ja zuversichtlich ist, dass man für Regen tanzen kann und Unterstützung von der Community hat. Die anderen tanzen mit, es geschieht eine Ritualisierung, die ein positives Feedback gibt. Hier wird eine Kausalität gesehen, wo nur Korrelation da ist.

Was hat Aberglaube mit Wissenschaft zu tun?

Ich habe auch das Beispiel gebracht von der Ähnlichkeit der Küsten von Südamerika und Afrika, über die Alfred Wegener gesagt hat, das könne kein Zufall sein, diese Kontinente müssten einmal zusammen gewesen sein. Es war damals total vermessen, so etwas zu behaupten. Er blieb aber dabei und hat seine Kollegen über die Dekaden hinweg überzeugen können, dass es so etwas wie Kontinentaldrift gibt.

Dieses Beispiel bezieht sich aber nicht direkt auf Aberglauben, sondern auf die Richtigkeit einer zunächst als unwissenschaftlich abgetanen These.

Das ist richtig. Aber es geht auch um das Sehen von Ähnlichkeiten, das in diesem Fall kreativ war. Als Pendant dazu habe ich das Ähnlichkeiten-Sehen im Zufallsprotoplasma des Spermiums genannt, als das Mikroskop erfunden wurde. Man hat sich eingebildet, das Menschlein müsse schon in der Samenzelle vorhanden sein, und hat gesehen, was man sehen wollte. Das konnte sich nicht halten, weil die Mikroskope besser geworden sind, man die Menschlein nicht mehr sehen konnte und es sich nicht einbetten ließ in eine übergeordnete Theorie, was aber bei Wegener der Fall war.

Sie brachten hier auch interessante Beispiele aus der Verhaltensforschung. Was lernen wir etwa aus den Versuchen mit dem T-Labyrinth?

Dazu eine Vorbemerkung: Wenn Leute mehrmals im Kopf einen Würfel werfen, dann trauen sie sich zu wenig oft, die gleiche Zahl unmittelbar zu wiederholen, also 2 und 2 oder 4 und 4. Das kann man auch beim Tier zeigen, nicht beim Würfeln, aber wenn man es ein Labyrinth erkunden lässt, ohne dass es irgendwo eine Belohnung gibt. In einem T-Labyrinth gehen 50 Prozent nach links und 50 Prozent nach rechts. Wenn sie Tiere zwingen, in die eine Richtung zu gehen, dann gehen sie später bei freier Wahl zu 80 Prozent in die andere. Dieses spontane Wechseln zeigte sich in Versuchen mit Ratten, mit Fischen, Insekten, Würmern, Kellerasseln, sogar mit Einzellern wie Amöben. Wir haben sogar ein Experiment mit Spermien durchgeführt - mit dem gleichen Ergebnis. Das ist analog dazu, wenn wir im Kopf beim Würfeln versuchen, Zufall zu generieren. Beim wirklichen Würfel kommt viel öfter bei mehreren Würfen die gleiche Zahl. Uns ist das suspekt, zweimal das Gleiche ist für uns keine Zufallsfolge! Wir haben das Gefühl, es müsste eine Bedeutung haben, wenn das passiert.

Kann die Wissenschaft den Aberglauben abschaffen? Soll sie es versuchen?

Wir können es nicht. Wir sollten nur die Leute sensitiv dafür machen, dass er zum Leben gehört und dass wir uns immer auf die Finger schauen sollten: Habe ich jetzt nicht abergläubisch gedacht?

Ertappen Sie sich selbst manchmal bei Formen von Aberglauben?

Ja, es gibt dieses zwanghafte Nicht-auf-die-Fugen-Treten auf dem Gehsteig, aber das ist spielerisch, ich denke ja nicht, dass andernfalls die Welt zusammenbricht.