Schöne rote Schuhe, tönt es aus dem Hinterhalt. Die Schuhträgerin zuckt zusammen. Sagte hier jemand rot? Die Stimme des Irrtums gehört einer Bekannten, die unvermutet im selben Geschäft steht, die Fußbekleidung aber ist orange. Zugegebenermaßen trifft dunkelorange den Ton am besten, doch selbst dieses ist mit Sicherheit ebenso wenig zinnoberrot wie Türkis grün. Weiß jedes Kind, das regelmäßig seine Buntstifte spitzt. Oder?

Nun, ganz so eindeutig ist die Sache mit den Farben dann doch wieder nicht. Natürlich kennen manche Kinder, speziell jene, die gerne malen, die Namen der Farben in ihrem Buntstiftkasten. Und natürlich können die meisten Menschen Farben unterscheiden. Doch mit der richtigen Benennung verhält es sich anders, schon allein, weil es mehr Farbtöne gibt als Namen. Und so wird Dottergelb mitunter Orange, Orange Hellrot, Türkis Pfefferminz, Lila Violett und Blau Schwarz genannt.

Fotostrecke 7 Bilder

Dabei kann das Auge bis zu 2,3 Millionen Farbtöne unterscheiden. "Der Mensch besitzt zwei Typen von Sehzellen: Stäbchen, die wir in der Dämmerung nutzen und die auf bestimmte Wellenlängen nicht reagieren, und Zapfen, die bei Tageslicht für das Sehen verantwortlich sind", erläutert der Neurobiologe Jan Kremers vom Uniklinikum Erlangen in einem Fachartikel. Die drei Arten von Zapfen reagieren jeweils auf kurze (blaue), mittlere (grüne) und längere (rote) Wellenlängen. Werden jene Zapfen, die für kürzere Wellenlängen empfindlich sind, stärker erregt als die anderen, nehmen wir Blau wahr, und so weiter.

Fantasievolle Namen sollen dem Denken auf die Sprünge helfen

Die Wörter Rot, Blau und Grün stehen überall für die gleichen Farbkategorien, konnte das "World Colour Survey" anhand von 110 Sprachen nachweisen. Ob aber die Sprache die kategorische Farbwahrnehmung prägt oder umgekehrt, wollte in Team um Jiale Yang von der Chuo Universität in Tokio wissen. Die Forschenden zeigten fünf Monate alten Babys geometrische Figuren in Grün und Blau sowie in verschiedenen Grüntönen. Die Messungen der Gehirnaktivität zeigten, dass diese signifikant anstieg, wenn sich Blau und Grün abwechselten, jedoch der Wechsel verschiedener Grüntöne kaum Reaktionen auslöste. Das Gehirn erfasst farbliche Grundkategorien also schon vor dem Spracherwerb. Daraus schließen die Forscher, dass diese etwas Universelles sind.

Die meisten Menschen verfügen somit über eine stabile gemeinsame Basis, wenn sie sich über Farben austauschen. In der Evolution war das wichtig, um zu erkennen, ob Früchte reif sind oder Fleisch genießbar ist. Doch ist mein Rot auch Ihr Rot? "Ob unser subjektiver Bewusstseinseindruck einer Farbe identisch ist, lässt sich mit gängigen Mitteln der Naturwissenschaft nicht herausfinden. Was für mich rot ist, erscheint für Sie vielleicht wie mein Türkis. Wir könnten lediglich gelernt haben, diesen Eindruck gleich zu benennen", schreibt Kremers im "Spektrum der Wissenschaft".