Und damit sind wir schon mitten im Dilemma. Neben der Tatsache, dass die Farbwahrnehmung von der Sehkraft, den Lichtverhältnissen, dem Alter, der Stimmung und eingenommenen Medikamenten abhängt, können wir uns nicht präzise verständigen. Ein herbstlicher Blätterwald? Große Herausforderung, sich über das ganze Spektrum auszutauschen. Eine Frühlingswiese? Fast unmöglich, alle Grün-Töne zu beschreiben! Gemälde von Rembrandt, Constable, Richter oder Doig? Kaum jemand könnte jede Farbe nennen.

"Wir haben nicht für alle Farben Namen. Infolgedessen kann die Einordnung verschwimmen", erklärt Hubert Weitensfelder, Leiter des Sammlungsbereichs Produktionstechnik des Technischen Museums in Wien (TMW), zu dem eine der größten Naturfarben-Sammlungen im deutschsprachigen Raum gehört. Der Historiker öffnet die Laden seines Depots. Überwältigende Mengen von Stoffproben mit Mustern in Altrosa, Citron, Minze, leuchtendem Rot und Kobaltblau. Farbtafeln in Papier und Garn als Muster für die Industrie. In Glasbehältern Pigmente, deren Namen wie der Nachhall einstiger Pracht erklingen: Victoriablau. Bismarck Braun. Mikadogoldgelb. Sambesi-Rot. Rose Bengale. Weiters Kunsthorn auf Mustertafeln. Den frühen Kunststoff für Knöpfe gab es in bezaubernder Vielfalt: Dunkelrosa, Blasscoralle, Tango, Blond. Doch welche würden wir dem Orangen zuordnen, welche dem Roten und welche dem Rosa?

Pink ist das englische Wort für Rosa und die Nelke als Blume. Im Deutschen steht der Begriff aber für ein sattes Rosa, das in der Natur kaum vorkommt. Dem nicht genug, gibt es mit Shocking Pink, Hotpink und Deeppink Farbtöne von extremer Intensität, jedoch unterschiedlicher Tonalität. Mehrdeutigkeit und Bedeutung genau dieser Farbe stehen im Zentrum eines Forschungsprojekts des Museums, bei dem Objekte in die Sammlung aufgenommen und Vorhandene auf ihre Pink-Qualität untersucht werden. Zusammen mit Anekdoten und persönlichen Objekten sind sie ab Mittwoch in der Ausstellung "Wem gehört Pink?" des TMW zu sehen.

"Es gibt keine scharfe Grenze, etwa zwischen Rot und Blau"

"Wir nehmen Farben als Kontinuum wahr. Es gibt keine scharfe Grenze, etwa zwischen Rot und Blau. Begrifflich teilen wie beide jedoch in Kategorien ein, die den Namen zugehörig sind", berichtet Paolo Bartolomeo vom Institut für Gehirn und Rückenmark des Salpetriere-Spitals in Paris. In einer Studie testete er die Farbwahrnehmung eines Schlaganfall-Patienten, der sie zwar alle sehen, sie aber nicht alle zuordnen konnte. Unbuntes Schwarz, Weiß und Grau reihte er richtig ein, buntes Rot, Blau oder Grün jedoch nicht. Bartolomeo geht davon aus, dass das Sprachsystem Schwarz, Weiß und Grau anders verarbeitet als die Bunt-Töne. Schon allein wer Kieselsteine sammelt, merkt, wie viel Arbeit das Gehirn hat, wenn es Farben einordnet. Denn ab wann ist ein grauer Stein grün, weiß, gelb, rötlich, bläulich oder braun?

Die ersten Höhlenmalereien entstanden vor 250.000 Jahren. Frühe Maler mussten wohl  intensiv mischen, denn sie hatten nur eine begrenzte Palette: Ocker in Gelb und Rostrot, Kreideweiß, Lampenschwarz, Beinweiß und Beinschwarz. Im Altertum kamen türkisartiges Ägyptischblau, schwefelgelbes Auripigment und ein Farbstoff aus dem als "rotes Arsenik" bekannten Realgar-Mineral hinzu, berichtet David Coles in seinem Buch "Farbpigmente: 50 Farben und ihre Geschichte". Bis Mitte der 1850er Jahre wurden zum Färben zumeist Naturfarben verwendet. Mit der Industrie begann die Ära der synthetischen Farben.