Die Entstehung und Entwicklung von Krankheit steht nach wie vor im Fokus der Medizin. Im Gegensatz dazu richten Ganzheitsmediziner immer mehr ihr Augenmerk auf die Entstehung und Erhaltung von Gesundheit. Der Weg von der Pathogenese hin zur Salutogenese wird damit beschritten. Gesundheit und Krankheit hängen nämlich nicht nur von genetischen, biologischen und psychologischen Faktoren ab, sondern auch von familiären, sozialen und kulturellen Aspekten.

Ein gesundes Leben wird zu 35 Prozent vom Lebensstil, zu weiteren 35 Prozent vom sozialen Umfeld und zu zehn Prozent von der Genetik bestimmt. Nur etwa 20 Prozent der medikamentösen Interventionen sind der Gesunderhaltung zuzurechnen, erklärte Gerhard Hubmann, Vizepräsident der Wiener Akademie für Ganzheitsmedizin (Gamed), zum am Wochenende über die Bühne gegangenen Kongress "Salutogenese - Wege zur Gesundheit".

Später oder gar nicht krank

"Wir wollen etwas dazu beitragen, dass die Menschen später oder im Idealfall gar nicht krank werden", betonte der Mediziner. Dafür fordert er von jedem Einzelnen Eigenkompetenz ein. "Wir sind der Manager der eigenen Gesundheit." In einer Untersuchung wurden 500 Menschen gescreent. Davon war ein Drittel von Burnout betroffen, ein Viertel befand sich in einem Vorstadium von Diabetes mellitus. Diese Erkrankungen seien nahezu ausschließlich lebenstilbedingt.

Schon in der Ottawa Charter für Gesundheitsförderung der Weltgesundheitsorganisation WHO wurde bereits im Jahr 1986 festgehalten: "Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selbst Entscheidungen zu fällen und Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben." Dieses Dokument hat wesentlich dazu beigetragen, dass Gesundheitsorientierung und Selbstbestimmung weltweit Eingang in die Gesundheitssysteme genommen hat und baut damit auf den Einsichten der Salutogenese auf.

"Zentrale Orientierungspunkte zur Stärkung der Gesundheitskompetenz sind Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit", erläuterte Peter Nowak, Leiter der Abteilung "Gesundheit und Gesellschaft" an der Gesundheit Österreich GmbH Wien. "Die Patienten rühren sich nicht und stellen keine Fragen", bedauert der Sozialwissenschafter. Dabei wären lediglich drei Fragen von ganz besonderer Bedeutung: Was habe ich? Was kann ich tun? Warum soll ich das tun? Mit dem Konzept "3 Fragen für meine Gesundheit" von der Österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz sollen die Patienten dazu motiviert werden.

Übergewicht und Adipositas haben immensen Einfluss auf die Gesundheit eines Menschen, betonte Peter Panhofer, Leiter des Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der Sigmund Freud Universität. Derzeit sind Daten der WHO aus dem Jahr 2018 zufolge weltweit rund zwei Milliarden Menschen übergewichtig und 650 Millionen adipös. Die Folgen davon werden in dem Begriff Psychosoziales Metabolisches Syndrom zusammengefasst. Dabei handelt es sich um einen Sammelbegriff für Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Leiden, Bluthochdruck, erhöhtes Krebsrisiko, nicht-alkoholische Leberverfettung, Arthritis und psychosoziale Probleme. Lapidar wird dabei von der "Generation Pommes" gesprochen.

Panhofer setzt auf eine Kombination aus Tradition mit moderner Wissenschaft, um dieser Entwicklung Herr werden zu können. Dabei sollen vor allem die östlichen Weisheiten wieder mehr Einzug erhalten. Akupunktur, Kräutermedizin, Bewegungsangebote wie Qi Gong und Massagen könnten dazu beitragen, den Körper in Balance zu halten, betonte der Facharzt für Viszeralchirurgie mit Schwerpunkt Metabolische Chirurgie. Medizin und Chirurgie könnten Abhilfe schaffen, doch sei es wichtig, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Die Salutogenese ist ein Werkzeug dafür.