Worum dreht es sich? Manche Frauen werden ohne offensichtlichen Grund nicht schwanger, weil sie sich unbewusst ihrem Partner verweigern. Andere leiden an chronischen Unterleibsschmerzen, weil sie noch nie einen Orgasmus hatten. Wiederum andere erleben Depressionen nach der Geburt, fürchten sich vor einer Schwangerschaft oder verkrampfen sich vor dem Liebesakt. Für derartige Fragen ist die Psychosomatische Frauenambulanz im Allgemeinen Krankenhaus Wien zuständig, die vor 45 Jahren von der Wiener Psychiaterin Marianne Springer-Kremsner und dem Gynäkologen Hugo Husslein gegründet wurde. Anlässlich dieses Jubiläums sowie der 35. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe findet am 15. und 16. November die Fachtagung "Frauenkörper und ihre Geschichten - der andere Blick" an der Medizinuni Wien statt. Man will andere, neue Blicke auf den weiblichen Körper werfen. Zur Diskussion stehen Themen wie die "Pathologisierung des weiblichen Lebenszyklus", die "Kulturgeschichte der Vulva" zwischen Verdrängung und Hype, die Brust zwischen Gesundheit und Lust, Leihmutterschaft, Transsexualität oder die Gebärmutter als besonders wandlungsfähiges Organ.

"In der Ambulanz haben wir einen großen Anteil an Frauen mit Schmerzproblematik im Unterbauch", sagt Leithner-Dziubas. Das reiche von über Jahre bestehenden chronischen Unterleibsschmerzen mit organischen Ursachen wie etwa Endometritis, Regelschmerzen, Infektionen und Schmerzen bei der Sexualität bis hin zu Problemen bei der Fortpflanzung.

Kaum etwas ist schöner, denn als Frau zu reifen

Manche Frauen leiden körperlich selbst ohne organische Gründe. Sexualprobleme, unerfüllter Kinderwunsch, das komplexe Prozedere einer künstlichen Befruchtung mit den damit verbundenen Hoffungen oder Enttäuschungen, Fehlgeburten, Fehlbildungen bei ungeborenen Kindern oder traumatische Geburtserfahrungen können sich auf die Seele schlagen und in Schmerzen äußern. Was kommt zuerst, der physische oder der psychische Schmerz? Diese Grenzen verschwimmen, meint Leithner-Dziubas.

Womit nicht gesagt sein soll, dass Frausein keine Freude macht. Im Gegenteil. Kaum etwas ist schöner, denn ein Kind zu bekommen, als Frau zu reifen und im weiblichen Körper zu leben, der eine unendlich erscheinende Mischung aus Natürlichkeit, Komplexität und Vielfalt bietet. Doch die naturgegebenen Stationen des weiblichen Körpers geben zu denken. Wie sehr sie das tun, zeigen allein die enorme Vielfalt an Literatur zum Thema der weiblichen Existenz und des weiblichen Selbstverständnisses sowie die Tatsache, dass sich eine ganze Generation von Künstlerinnen, von Valie Export über Renate Bertlmann bis Birgit Jürgenssen, der denkenden Existenz im weiblichen Körper widmet. Die Bewertung der Frau durch die Gesellschaft wird der eigenen Erfahrung und Sichtweise gegenüberstellt.

Maria Lassnig, eine der größten zeitgenössischen Künstlerinnen Österreichs wenn nicht sogar Europas, geht dabei sogar so weit, die Waffe gleichzeitig auf sich und ihre Betrachter zu richten. Ihr Gemälde "Du oder ich" aus dem Jahr 2005 zeigt den nackten, bereits welken Körper einer alten Frau - die Beine gespreizt, das Geschlecht entblößt. Die Pose wirkt für alle gefährlich, doch der Gesichtsausdruck zeigt zugleich Entschlossenheit, Aggressivität und Verwunderung. Ein Bildnis der ambivalenten weiblichen Existenz.