Der Klimawandel schadet der Gesundheit, insbesondere jener von Kindern, und zwar nicht in Zukunft, sondern heute. Wenn die Welt so weiterwirtschaftet wie derzeit, "wird das Leben jedes heute geborenen Kindes tiefgreifend vom Klimawandel beeinträchtigt werden", berichtet das Konsortium "The Lancet Countdown", das rund 100 Experten zählt.

Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz von 2. bis 13. Dezember in Madrid bilanzieren Experten aus 35 Institutionen, darunter die Weltgesundheitsorganisation, das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg und zahlreiche Universitäten, über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit. Der Bericht wurde im Fachjournal "The Lancet" veröffentlicht.

Wenn weiterhin so viel CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen wird wie bisher, müssen heute geborene Kinder im Alter von 71 Jahren im Schnitt in einer um vier Grad wärmeren Welt leben, heißt es in dem Report. Kinder seien von den Auswirkungen des Klimawandels am stärksten betroffen, betonte Nick Watts, der Chef des Konsortiums, am Montag in London. Körper und Immunsystem befänden sich noch in Entwicklung. Frühe Schäden könnten ein Leben lang bleiben. Auch Ernterückgänge durch den Klimawandel träfen die Kinder am schlimmsten. Sie litten stärker an Unterernährung, Durchfall und an von Stechmücken übertragenen Erkrankungen.

Gleich neun der genannten zehn Jahre mit den besten Bedingungen für Mücken, die das Dengue-Fieber übertragen, würden in den Zeitraum seit dem Jahr 2000 fallen. Auch für den Cholera-Erreger hätten sich die Bedingungen seit Anfang der 1980er-Jahre verbessert. Zudem würden Vibrionen, eine Gruppe von Bakterien, die Magen-, Darm- und Wundinfektionen verursachen, zu einer wachsenden Gefahr. Seit den 1980er-Jahren habe sich aufgrund der steigenden Wassertemperaturen die Anzahl der Tage verdoppelt, an denen man sich sogar in der kühlen Ostsee mit Vibrionen anstecken kann. 2018 waren das 107 Tage.

Würde die Erderwärmung, wie im Pariser Klimaabkommen eigentlich vorgesehen, dagegen auf 1,5 Grad begrenzt, sähe es anders aus. Dann könnte ein Kind in England mit sechs Jahren den Ausstieg aus der Kohle-Energie erleben, eines in Frankreich mit 21 Jahren den Abschied von Benzin- und Dieselautos. Alle heute Geborenen könnten mit 31 Jahren erfahren, dass nur noch so viel CO2 produziert wird, wie von der Natur oder mit technischen Mitteln aufgenommen werden kann. Auch die Luft wäre dann reiner.

"Eine nie dagewesene Herausforderung verlangt eine nie dagewesene Reaktion. Es benötigt die Mitarbeit der heute 7,5 Milliarden Menschen, um sicherzustellen, dass die Leben ihrer Kinder nicht durch den Klimawandel bestimmt werden", heißt es in dem Report.

2018 erlebten über 65-Jährige in Europa mehr Hitzewellen als im Schnitt der Jahre 1986 bis 2005. 2016 trug die Feinstaubbelastung zu 44.800 frühzeitigen Todesfällen allein in Deutschland bei. Feinstaub stammt unter anderem aus Verkehr, Industrie und der Verbrennung von Kohle.

Dengue, Cholera, Vibrionen

In Österreich beliefen sich wirtschaftliche Verluste und Gesundheitskosten durch Feinstaub in den Jahren 2015 und 2016 auf jeweils fast zwei Milliarden, in Deutschland auf 20 Milliarden Euro. Die Luftverschmutzung habe 2016 weltweit zu sieben Millionen Todesfällen geführt, 2,9 Millionen davon aufgrund von Feinstaub.

Zudem hält der "Lancet"-Bericht fest, dass in 77 Prozent der Länder immer mehr Waldbrände auftreten, wie sie derzeit in Australien wüten, wo nun auch die Metropole Sydney in Gefahr ist, die Regierung aber weiterhin die Diskussion verweigert. Weiters führen Temperatursteigerung und Hitzewellen zum Verlust von weltweit 133,6 Milliarden Arbeitsstunden.

Um den negativen Entwicklungen beizukommen, fordern die Autoren eine rasche und komplette Abkehr vom Kohlestrom weltweit (die durch den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen aber derzeit nicht vollzogen werden kann). Zudem müssten für Klimaunterstützungen jährlich 91 Milliarden Euro seitens der reicheren Länder für ärmere Staaten bereitgestellt werden. Nicht zuletzt müsse in den Aus- und Umbau der Gesundheitssysteme investiert werden. Eine Veränderung stelle sich bei von Stechmücken übertragenen Erkrankungen bereits ein: Ärzte haben zunehmend von Mücken übertragene Erreger "auf dem Schirm", betont Sebastian Ulbert vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie Leipzig.(est/dpa)