Ada Lovelace schrieb den den ersten Algorithmus. Mit ihren programmierbaren Rechenvorschriften machte die britische Mathematikern (1815-1852) den Schritt von der Rechenmaschine zum Computer. Heute dienen Algorithmen unter anderem der Klassifizierung von Information im Internet. "Menschen werden durch Gesetze gesteuert. Maschinen verstehen Gesetze nicht, also brauchen sie Handlungsanweisungen", erklärte etwa Matthias Kettemann vom deutschen Hans-Bredow-Institut für Internet und Gesellschaft diese Woche beim "Dialogforum" von Wissenschaftsfonds und ORF in Wien.

Das Problem ist nur, dass die Handlungsanweisungen den Spieß umzudrehen scheinen. Mittlerweile fordern sie uns unablässig auf, etwas zu tun. "Es ist Zeit zum Einchecken, Frau xyz!". "Dieses Angebot gibt es jetzt um 20 Prozent billiger!". "200 Leuten gefällt das auch, sehen Sie sich das an, klicken Sie hier, kaufen Sie ein!"

Jede Reaktion auf die Stupser wird feinsäuberlich registriert. Algorithmen sammeln Information und treffen auf deren Basis Entscheidungen darüber, welche Reisen, Jobs oder Kreditrahmen sie anbieten. Wer eine Städtereise bucht, den würde der Algorithmus am liebsten in alle europäischen Hauptstädte schicken. Wer eine Frau ist, bekommt einen kleineren Kreditrahmen als ein Mann. Wer sich über Nachrichten-Apps informiert, macht sein Informationsverhalten transparent. China, wo das Internet längst nicht mehr frei ist, wertet die Daten nicht nur aus, sondern bewertet sie und verhängt Sanktionen für Verhaltensweisen, die den Effizienzkriterien nicht entsprechen. Die Auswertung fällt nicht schwer, denn "teilweise sind die Menschen in den Suchfeldern des Internets ehrlicher als zu ihren Ehepartnern", erklärt Thomas Lohninger der Wiener NGO epicenter.works für digitale Rechte.

Von sich aus tut der Algorithmus allerdings nichts. Er steht immer im Dienst seiner Schöpfer. Im Internet finden wir die gleichen Machtverhältnisse wie im Leben.

Doch obwohl für das Leben kontraproduktiv ist, was dem sozialen Zusammenhalt entgegenwirkt, fördern wir seinen Zerfall. Wenn wir billige, von Unterdrückten gefertigte Kleidung im Internet kaufen, öffnen wir indirekt die soziale Schere. Wenn wir Daten preisgeben, lassen wir Überwachung zu. Der Zwiespalt hat etwas Erdrückendes, die Nutzung der Daten bleibt intransparent. Aus diesen Gründen ist der Ruf einer digitalen Aufklärung laut geworden, die den Menschen bei technischen Prozessen an erste Stelle stellt.

Die Maschinen haben dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt, ist das Ziel der Strömung des Digitalen Humanismus. Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen haben das "Vienna Manifesto on Digital Humanism" unterzeichnet, das festschreibt, wie Informationstechnologien menschlichen Werten und Bedürfnissen gerecht werden können. Zu den elf Punkten zählt die Forderung, dass die freie Meinungsäußerung in sozialen Medien besser gehütet werden soll, oder dass Kinder schon früh in Computerwissenschaften geschult werden müssen.

Stadt Wien fördert Projekte

Insbesondere die Stadt Wien will Vorreiterin als eine Hauptstadt sein, die die Werte der Aufklärung in das Digitale überträgt. In einem Förderprogramm unterstützt sie zunächst neun Forschungsprojekte, die den Menschen in den Mittelpunkt von Digitalisierungsansätzen stellen wollen.

Zu den geförderten Projekten zählt ein "Counter-Bot", mit dem das Ludwig Boltzmann-Institut für Menschenrechte Künstliche Intelligenz gegen rassistische Hasspostings einsetzen will. Die Österreichischen Akademie der Wissenschaften plant ein Inventarium zur Identifizierung und Diskussion stadtrelevanter Algorithmen. Das Institut für Soziologie der Uni Wien will in seinem Projekt "Cyber Heroes" jugendgerechte Online-Zivilcourage vermitteln. Eine mit der EU-Datenschutz-Grundverordnung konforme Einwilligungserklärung ist wiederum Ziel eines Vorhabens der Wirtschaftsuniversität Wien. Insgesamt werden für die Projekte 320.000 Euro ausgeschüttet. Im kommenden Jahr soll es im Programm "Digitaler Humanismus" eine weitere, mit 500.000 Euro dotierte Ausschreibung geben, teilte die Stadt am Freitag mit.

Ob das Internet dadurch wieder offener, freier, "menschlicher" wird, muss sich weisen. Jedenfalls will niemand eine digitale Diktatur, die den Menschen jegliche Selbstbestimmung nimmt.