Wien. Als Wolfgang Amadeus Mozart seinen Komponisten-Kollegen Joseph Haydn mit Hinweis auf dessen mangelhafte Fremdsprachenkenntnisse von seiner ersten Englandreise abhalten wollte, stieg dieser nicht auf ihn ein und packte die Koffer. Haydns Begründung: "Meine Sprache versteht man auf der ganzen Welt." Er meinte die aus seiner Sicht kulturübergreifende, universelle Sprache der Musik.

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Doch ist Musik tatsächlich universell? Einen tragfähigen Beleg gibt es nicht. Andererseits scheinen alle Kulturen zu singen und immerhin vermag die Musik Emotionen intensiv zu rühren, ganze Gruppen zu einen, zu motivieren, zu bewegen. Das sei aber auch die einzige Substanz der Idee, meint etwa der Ethnomusikologe George List, "das einzig Universelle an der Musik ist, dass die meisten Menschen sie machen". Heraus kämen völlig unterschiedliche Stücke, Interpretationen, Stile, Methoden und Reaktionen. Ein internationales Team unter Beteiligung der Universität Wien wollte den Gegenbeweis antreten. Auf der Basis umfassender Daten über gesungene Lieder, die laut den Wissenschaftern ursprünglichste Form von Musik, berichten sie im Fachmagazin "Science": Musik hat universelle Eigenschaften, obwohl sie in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Formen annimmt. Der Variantenreichtum beruhe nämlich auf ähnlichen Grundmustern.

Für seine Studie greift das Team um Samuel Mehr von der Universität Harvard auf ethnomusikologische und anthropologische Daten zurück, die in mehr als 100 Jahren gesammelt wurden. Die Informationen über und Aufnahmen von Liedern aus 315 Kulturen von der Arktis bis in die Tropen, von Europa bis zu entlegenen Inseln, wurden zum Teil in neue "Natural History of Song"-Datenbanken überführt. Diese umfassen auch Lieder, die als Untermalung von Tänzen eingesetzt werden, Heilung bringen, Kindern beim Einschlafen helfen sollen und das Genre der Liebeslieder bedienen.

Die Forscher untersuchten unterschiedliche strukturelle Gruppen: den Grad von Formalität von Zeremonien- bis zu Liedern für kleinere Feiern, den Grad der Aktivierung von Tanzsongs bis zum leisen Singen für sich selbst, und jenen der Religiosität vom schamanischen Ritual über Begräbnishymnen bis zu Chören bei Gemeindefeiern. "Tanzlieder liegen zumeist im formellen, aktivierenden, wenig religiösen Bereich. Liebeslieder sind wenig formell, wenig aktivierend und ebenfalls kaum religiös, und Schlummerlieder sind alles am wenigsten", heißt es in der Studie. Der Punkt dabei: Weltweit singen Mütter ihre Babys mit ähnlich strukturierten Melodien in den Schlaf. Und Liebeslieder seien im Allgemeinen nicht dahingehend aufgebaut, aggressiv zu machen.

"Menschen verwenden ähnliche Musik in ähnlichen Kontexten in aller Welt", schreiben die Kognitionsbiologen Tecumseh Fitch und Tudor Popescu von der Uni Wien in einer Schlussfolgerung. Musikalität basiere auf wenigen fixen Säulen, die die Biologie den Menschen mitgegeben habe und die dann mit den Eigenheiten jeder individuellen Kultur gewürzt würden: "Die Erkenntnisse legen nahe, dass menschliche Musikalität einen gemeinsamen Aspekt menschlicher Kognition darstellt."

Kann das tatsächlich stimmen? Oder haben die Musikwissenschafter doch recht? Zum Test hat die "Wiener Zeitung" javanische mit japanischer Zeremonialmusik verglichen und festgestellt: strukturell völlig unterschiedlich. Auch eine tibetanische Anrufung hat mit einem gregorianischen Choral nichts gemein. In Tibet kommt man der Gottheit durch Meditation näher, ergo ist die Musik meditativ, in Mitteleuropa durch feierliche Bewegung, daher eine Melodik des (im Mittelalter) ekstatischen Singens.

Und dennoch ist ein Schlaflied ein Schlaflied. Denn man verfolgt ein Ziel. Man will, dass jemand einschläft, daher singt man sanft und monoton. Selbst Fitch und Popescu räumen ein: Ein "tieferes Verständnis" der Ergebnisse "auf kognitiver und neuronaler Ebene" sei noch aufzubauen.