Eine breite Auseinandersetzung zur Schaffung international verbindlicher Richtlinien sei dringend geboten, betont der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. "Das Thema muss aus der fachlichen in die gesellschaftliche Debatte. Das hat eine menschheitsgeschichtliche Dimension", sagte er. Erst im Mai hatte der deutsche Sachverständigenrat in einer Stellungnahme klargestellt, solche Verfahren seien aufgrund der Risiken unzulässig, ethisch jedoch nicht grundsätzlich auszuschließen, wenn schwere Erbkrankheiten auf diese Weise eliminiert werden können. Ein Expertenrat der Weltgesundheitsorganisation soll nun Richtlinien für den Einsatz solcher Techniken erarbeiten und überwachen sowie den gesellschaftlichen Diskurs anregen. Außerdem baut die Behörde für mehr Transparenz ein Register für entsprechende klinische Studien auf.

Eingriffe in die Keimbahn in vielen Ländern verboten

In vielen Ländern, so auch in Österreich, sind Eingriffe in die Keimbahn verboten. Dabrock hält eine internationale Konferenz auf UN-Ebene ähnlich wie bei den UN-Klimakonferenzen für eine denkbare Strategie, um einen breiten Diskurs anzuregen. "Eingriffe in die Keimbahn brauchen eine einzige klare Botschaft", schreibt das Fachblatt "Nature" in einem Leitartikel. "Laufend werden neue Fortschritte in der Genom-Editierung bekannt. Die Geschwindigkeit des Fortschrittes lässt gepaart mit der Entschlossenheit mancher Forscher die Alarmglocken schrillen. Doch die Vorgangsweise, all dies zu regulieren, war bisher suboptimal."

Noch ist die Methode
zu wenig präzise

Dass die Debatten dennoch nicht vergebens waren, zeigt sich nach Ansicht von Dabrock an der Reaktion auf die Ankündigungen des russischen Forschers. Die Aufsichtsbehörden in Moskau hätten mit für viele Beobachter "erstaunlicher Klarheit" gesagt, dass sie die Versuche vorerst nicht genehmigen: "Wer weiß, ob das so gekommen wäre, wenn die Debatte nicht schon Fahrt aufgenommen hätte", betont Dabrock. Experten in Russland hatten davor gewarnt, dass Vorstöße wie jener von Rebrikow der Autorität des Landes in der Welt der Wissenschaft schaden könnten. Anders als He will Rebrikow auf eine Erlaubnis des Gesundheitsministeriums warten, bevor er weitermacht.

Rebrikow behauptet, ein Verfahren gefunden zu haben, das sicherer ist als die Genschere Crispr/Cas9, weil die Gefahr, auch außerhalb des Ziels liegende Bereiche im Erbgut zu beeinflussen, geringer sei. Das Risiko solcher Off-Target-Effekte gehört zu den wesentlichsten Hemmnissen für eine Anwendung in der Medizin.

Einen womöglich entscheidenden Fortschritt meldeten kürzlich US-Wissenschafter. Sie stellten in "Nature" ein Prime Editing genanntes Verfahren vor, das zielgerichteter und sicherer sein soll als die herkömmliche Crispr-Methode. 90 Prozent der Genveränderungen, die zu Krankheiten führen, könnten korrigiert werden. Den theoretischen Nachweis wollen die Forscher der Universität Harvard bereits erbracht haben.(est)