Musik bewegt die Gefühle. Sie kann verzücken, berücken, Sehnsüchte auslösen oder einen vor lauter Schönheit gefangen nehmen. Sie kann aber auch beruhigen, entspannen, in Trance versetzen. Musik wiegt Kinder in den Schlaf. Verordnet Marschieren, schickt Soldaten in die Schlacht, eint Menschen in gut und böse, im Krieg und im Tanz.

Jeder kann singen, bestätigen zahlreiche Expertinnen und Experten. Das würde bedeuten, dass jeder Mensch ein grundlegendes Bedürfnis hat, zu musizieren. Musik kann, muss allen Menschen entspringen, da sie von allen verstanden wird. Dieser Meinung war Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882). Der US-Lyriker fand, die Musik sei die gemeinsame, universelle Sprache der Menschheit. Er folgte darin Joseph Haydn, der die Ansicht vertrat: "Meine Sprache versteht die ganze Welt."

Doch tut sie das? Verstehen wirklich alle Menschen von Spitzbergen bis Maputo die Sinfonien des österreichischen Komponisten? So verlockend die Idee erscheinen mag, wissenschaftlich konnte sie noch niemand beweisen. Den jüngsten Versuch machte der Kognitionsforscher Samuel Mehr von der Universität Harvard im US-Staat Massachusetts.

Mit seinem Team wertete Mehr ethnomusikologische und anthropologische Informationen über Musik aus 100 Jahren und 315 Kulturen aus und verglich sie mit heutigen Daten zu, wenn man so will, archetypischen Akustik-Strukturen: Lieder, die Heilung bringen, Kindern beim Einschlafen helfen und die Genres Liebeslied sowie Tanzlied bedienen. Das Team kam zu dem Schluss, dass Mütter überall ihre Babys mit ähnlich aufgebauten, langsamen Melodien in den Schlaf singen. Es befand Tanzsongs als schneller und rhythmischer und rituelle Lieder als weniger variabel.

So weit, so gut. Die wenig überraschenden Ergebnisse zeigen so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Für die Kognitionsbiologen Tecumseh Fitch und Tudor Popescu von der Universität Wien stellen sie dennoch einen Erkenntnisgewinn dar. "Die Frage der Universalität dreht sich nicht darum, ob aus der ganzen Welt präzise Kopien der gleichen Melodien gesungen werden, sondern um tiefe, kognitive Prinzipien der menschlichen Musikalität, ähnlich wie Sprachuniversalien", kommentieren sie im Fachmagazin "Science" zur Studie. Ihr Fazit: "Musik ist universell, da sie in allen Kulturen existiert und ähnliche akustische Strukturen in ähnlichem Kontext eingesetzt werden."

Das einzig Universelle an der Musik ist, dass die meisten Menschen sie machen, befand hingegen der amerikanische Ethnomusikologe George List. Heraus kämen völlig unterschiedliche Stücke, Interpretationen und Stile. Diese Ansicht vertritt auch Ursula Hemetek, als Trägerin des Wittgenstein-Preises (2018) Österreichs Nobelpreis-Laureatin der Musikwissenschaften. "Musik ist keine universelle Sprache", sagt sie zur "Wiener Zeitung". An der Universität für Musik und darstellende Kunst analysiert Hemetek die Musikstile zahlreicher Kulturen. "Singen ist eine menschliche Ausdrucksform. Doch unsere musikalische Ausdrucksweise und die Wahrnehmung von Musik sind stark von der Sozialisation geprägt."