Klangwelt und Muttersprache

Ähnlich wie Kinder eine Muttersprache erlernen, wachsen sie auch mit einer Klangwelt auf. Wer als Kind Klassik zu hören bekommt, lernt schon früh, diese zu verstehen. Wem eher Pop vorgespielt wird, wird leichter Zugang hierzu finden oder auf eigene Faust andere Richtungen erkunden. Personen aus Westeuropa müssen ihre Ohren an orientalische Musik erst gewöhnen, wer die chinesische Oper nicht kennt, tut sich schwer, sie zu genießen. Ähnlich ergeht es zahlreichen Menschen aus China aber mit Richard Wagner, den überdies auch hierzulande nicht alle verstehen. Jede Kultur hat eine andere Musik-Sprache. Was aber fremd klingt, geht den meisten Menschen nicht auf Anhieb ins Ohr.

Und dennoch spricht die Musik, anders als Worte, die Gefühle direkt an. Welche Rolle spielt eine sophistizierte Sprache dabei? Ist sie nur eine Draufgabe, ein komplex-schönes Extra, das zwar mehr Raffinesse ermöglicht, aber wie ein Furnier auf dem Holz dessen liegt, was wir ohnehin in der DNA haben?

"Alle Menschen können sich musikalisch ausdrücken, das ist grundgelegt. Und es gibt sicher biologische Konstanten, die uns gewisse Formen benutzen lassen, um bestimmte Dinge auszudrücken", räumt Hemetek ein. Tatsächlich schläfert ein Wiege-Rhythmus die Kinder ein. "In vielen Kulturen nutzen Mütter die Wiegenlieder aber auch, um ihre Lebenssituation zu reflektieren und Gefühle auszudrücken, ähnlich wie das bei Klage- und Totenliedern der Fall ist. In beiden Fällen geht es um das Bedürfnis nach Psychohygiene."

Anders verhält es sich bei Marsch- und Kampfliedern. Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Melodien seien auf der ganzen Welt gleich. Immerhin schallt bei nordkoreanischen Militärparaden ein ähnliches Stakkato wie hierzulande am ersten Mai. Die Rhythmen schwören ein, treiben an, man könnte sagen, sie einen. Oder bekommen Sie etwa keine Gänsehaut, wenn die "Internationale" ertönt, obwohl Sie bei der proletarisch-sozialistischen Revolution gar nicht mitgewirkt haben?

Auch hier verneint die Musikwissenschafterin. "Das mag an der politischen Einstellung liegen und daran, dass man die ,Internationale‘ kennt. Es ist eine überzeugende Komposition, die im westeuropäischen Zusammenhang auch sehr gut wirkt." Womit erstens geklärt wäre, warum "Die Fahnen hoch" nicht mehr gehört wird - wirksames Lied, aber abscheulich konnotiert - und zweitens erklärt, was musikalische Sprachen tun: Je besser sie sind, desto eher kann die Pracht der Musik ihre volle Wirkung entfalten. Je präziser und ziselierter eine musikalische Sprache ist, desto stärker und tiefer spricht sie die Gefühle an, ähnlich wie Literatur.