In Afghanistan war die Musik lange aus dem öffentlichen Leben verbannt. "Wir haben Interviews mit 14 jugendlichen Geflüchteten gemacht, die nie auf einem Konzert waren, da im politischen System die Musik keine Rolle spielen durfte", berichtet Hemetek. "Diese jungen Menschen empfanden sich nicht als Gesangstalente. Dennoch war ihnen Musik wichtig. Sie konsumierten ihre Lieblingslieder auf dem Handy und sangen mit."

Ein Grundbedürfnis

In einem weiteren Forschungsprojekt manifestierte sich die Musik als Ausdruck von kultureller Identität. "Für einen 1992 aus Bosnien geflüchteten Fernfahrer war das Singen schon in der Heimat ein Lebens-Mittel. Auf seinen Fahrten lernte er neue Lieder, die er zu Hause vortrug", berichtet Hemetek. Als er nach Österreich kam, half ihm das Singen dabei, sich in seinem neuen Umfeld zu verorten oder, wie er es ausdrückte: "Wenn ich singe, fliegen meine Gedanken nach Bosnien." Dieses Gefühl trug der Mann schließlich auch auf die Bühne, um zu zeigen, dass sein Land nicht nur Blut, Krieg und Tränen ist, sondern auch kulturelle Ausdrucksformen hat, die er mitgebracht hatte. "Musik war für ihn ein Mittel der Repräsentanz und der Identifikation", fasst sie zusammen.

Mit dem "Music and Minorities Research Center" startet am Freitag eine Forschungseinheit unter dem Dach der Universität für Musik und darstellende Kunst, die Hemetek in den kommenden fünf Jahren mit ihrem Preisgeld von 1,4 Millionen Euro finanziert. Ab Jänner sollen Nachwuchsforschende hier zum Thema musikalische Artikulation als Mittel zur Integration arbeiten. "Da sie kulturelle Werte vermittelt, hat Musik eine gesellschaftliche Komponente", findet Hemetek. Sie erleichtert die Kommunikation, geht ins Herz und ist in diesem Sinn doch universell. Denn wenn man Menschen die Musik verbietet, finden sie Wege, sich trotzdem damit zu beschäftigen. Sie sei so etwas wie ein Grundbedürfnis, fand die Künstlerin Ceija Stojka, die den Lovara-Roma angehörte und drei nationalsozialistische Konzentrationslager überlebte: Dabei stärkte das Singen, obgleich es nur im Verborgenen stattfand, die Psyche enorm.