Keimbahnveränderungen, ja oder nein? Derzeit wird diese Frage in erster Linie in wissenschaftlichen Kreisen diskutiert. Doch auch die breite Öffentlichkeit, die mit den immer fortschrittlicheren Möglichkeiten der Gentechnik konfrontiert ist, muss sich mit dem Thema über kurz oder lang ernsthaft befassen.

Wollen wir sogenannte Designer-Babys, deren Erbanlagen dahingehend verändert werden, dass sie diese auch an ihre Nachkommen weitergeben, und wenn ja, wie weit wollen wir damit gehen? Wollen wir einzig und allein tödliche Erbkrankheiten eliminieren oder auch solche, die den Alltag sehr beschwerlich machen? Und wenn all dies schon machbar ist, wollen wir uns nicht auch gleich die Haar- oder die Augenfarbe selbst aussuchen und intelligenter werden?

Vorerst gegen Keimbahnveränderungen spricht sich der Direktor des Wiener Instituts für Molekulare Biotechnologie (Imba) in Wien, Jürgen Knoblich, aus. Designer-Babys mit Methoden wie der Genschere Crispr/Cas9 zu schaffen, sei "nicht vertretbar, weil wir letztendlich nicht die Sicherheit haben, was wir neben dem potenziellen Nutzen dem Kind an Schaden zufügen", sagte er am Montagabend im Rahmen einer "Wiener Vorlesung" zum Thema "Mensch der Zukunft: Selbst gemacht?". Knoblich plädiert daher dafür, über Keimbahnveränderungen ein Moratorium zu verhängen.

Vor einem Jahr gab der chinesische Wissenschafter He Jiankui über den Video-Kanal Utube die Geburt zweier Mädchen bekannt. Er habe das Erbgut der mit Hilfe von künstlicher Befruchtung gezeugten Zwillinge mit der Genschere Crispr/Cas9 so manipuliert, dass sie vor einer Ansteckung mit HIV geschützt seien, gab er bekannt. Dem Vernehmen nach gelang es ihm allerdings nicht, bei beiden Kindern beide Gen-Kopien (eine vom Vater, eine von der Mutter) im gesamten Körper auszuschalten. Am Montagabend wurde wenige Minuten vor Textschluss dieser Ausgabe bekannt, dass He‘s Arbeit schwere Mängel aufweist: Laut einem Bericht in "Technology Review" fehle die Beweisführung.

Weiters hat kürzlich der russische Biologe Denis Rebrikow ankündigt, mit Hilfe von vorgeburtlicher genetischer Manipulation erblich bedingte Taubheit heilen zu wollen. Knoblich ist allerdings nicht der Ansicht, dass all dies so einfach funktioniere. Es müsse sich erst herausstellen, welche längerfristigen Konsequenzen derartige genetische Behandlungen haben, sagte er. Die Frage sei auch, wer dafür hafte, wenn etwas schiefgehe. "Ich habe ein Riesenproblem mit diesen Forschern, die aus der Tiefe des wissenschaftlichen Sumpfes versuchen hervorzusteigen und sich zu profilieren, durch irgendwelche skandalösen Aussagen und Experimente", betont der Chef des Imba der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Für ihn sind trotz unterschiedlicher kultureller Ansichten "globale ethische Ansätze in der Wissenschaft" zum Thema nötig. Die Dringlichkeit einer globalen ethischen Übereinkunft steigt mit dem technischen Fortschritt. Erst vor wenigen Wochen wurde ein neues, genial erscheinendes Werkzeug entwickelt, der das Tor zur Routineanwendung weiter aufstoßen könnte: Prime Editing heißt die neue Methode, die in der einfachen Zelle beginnt.