Jede Zelle besteht aus drei Milliarden Buchstaben

Doch zum Hintergrund: Jede Zelle besteht aus drei Milliarden Buchstaben, auch Basen genannt. "Diese Buchstaben schreiben den gesamten Code, der alles festlegt, was uns ausmacht, das nicht durch die Umwelt geprägt ist. Wenn wir einen spezifischen Teil unserer 21.000 Gene verändern wollen, müssen wir ganz genau wissen, wo wir hin wollen", erklärte der Wiener Molekularbiologe Martin Moder bei einer Diskussion der Reihe "Weitblick im Hochhaus Herrengasse" zum Thema "Der optimierte Mensch". Als Mitglied der Kabarettgruppe "Science Busters" will Moder das Thema einer breiten Öffentlichkeit vermitteln.

Um also ihr Ziel im Erbgut zu erreichen, benötigt die Gen-Schere einen Spürhund, die Guide-RNA. Das ist ein Strang von Erbinformationen, der sich ausschließlich an die anvisierte Stelle anlagert. Die zweite Komponente, die in der Lage ist, die Veränderung durchzuführen, beinhaltet ein Protein, das sich an den Spürhund bindet. Von ihm wird es zu genau jener Stelle im Genom geführt, die verändert werden soll. "Dort kann das Protein tatsächlich die DNA durchzwicken", sagte Moder: "Das ist die Gen-Schere Crispr-Cas9."

Wie bei allen DNA-Schäden, die laufend im Körper passieren, repariert die DNA auch den Schnipp von selbst. Allerdings gilt die Effizienz des Verfahrens als noch nicht hoch, da es laut Experten auch außerhalb der angesteuerten Bereiche zu DNA-Doppelstrangbrüchen kommen könne. Somit können unerwünschte Veränderungen die Nebenwirkung sein.

Prime Editing, Superstar der Gen-Veränderung

Bei einer neuen Methode muss der Doppelstrang der DNA nicht mehr aufgeschnitten werden. "Prime Editing" gilt seit seiner Veröffentlichung vor wenigen Wochen als Superstar unter den Gen-Manipulatoren. Bei dem auf Crispr/Cas9 aufbauenden Verfahren genügt der Schnitt in einen einfachen DNA-Strang, um einzelne Bausteine des Erbgut-Moleküls zu tauschen, zu entfernen oder hinzuzufügen. Ob das sicherer ist, wird sich herausstellen, das US-Team um Andrew Anzalone von der Universität Harvard will jedenfalls 90 Prozent der 75.000 krankheitsbringenden Gen-Veränderungen korrigieren können. In Zellversuchen für Sichelzell-Anämie und Tay-Sachs-Syndrom hat es bereits geklappt.

Laut Experten sind weitere Verbesserungen nötig, bevor eine Anwendung am Menschen in Betracht gezogen werden kann. Doch erst wenn wir die Auswirkungen gut abschätzen können, könnten wir die Frage, ob wir in die Keimbahn eingreifen sollen, vorbehaltlos beantworten. Realistisch betrachtet ist das aber nie perfekt möglich. Das zeigen Beispiele aus der natürlichen Evolution, die wir schon jetzt außer Kraft setzen. Sie funktioniert sehr gut, solange Menschen mit Negativ-Mutationen sterben oder sich nicht paaren. Doch während Scharfsichtigkeit zu Neandertaler-Zeiten ein Überlebensfaktor war, stirbt heute kaum jemand an drei Dioptrien. Auch pflanzen sich Menschen fort, die dies auf natürlichem Weg nicht könnten. Über kurz oder lang könnten sogar Frauen länger fruchtbar bleiben, weil jene, die später Kinder bekommen, ihre Veranlagung weitergeben. Ein ganz toller Fortschritt. Niemand kennt aber die Konsequenzen.