Bekannte Melodien brennen sich derart ins Gehirn ein, dass dieses schon eine Drittelsekunde vor dem eigentlichen Ton mit einer Welle darauf reagiert. Das Gehirn erwartet also den gemerkten Ton und sucht ihn sogar intensiv, falls stattdessen eine Pause kommt, berichten Salzburger Forscher im Fachblatt "Nature Communications". Zu starkes Suchen könnte wiederum ein Grund für Tinnitus-Empfänglichkeit sein.

Die Forscher um Gianpaolo Demarchi vom Center for Cognitive Neuroscience der Universität Salzburg spielten 33 Probanden eine ihnen bekannte Melodie aus vier unterschiedlich hohen Tönen mit einem Abstand von 333 Tausendstel Sekunden vor und maßen währenddessen ihre Gehirnströme mittels Magnetenzephalografie (MEG). Kurz nach jedem Ton zeigten sich im Gehirn schon die "tonhöhenspezifischen neuronalen Muster" für den Folgeton. Das Gehirn nahm ihn demnach schon 300 Millisekunden vorweg. "Es erwartete sogar einen speziellen Ton, und nicht nur irgendeinen", sagte Demarchi im Gespräch mit der APA.

Risiko Tinnitus

"Wenn wir einen Ton ausgelassen haben, traten die selben Muster auf, die Aktivierung war sogar noch stärker, als bei einem tatsächlich angebotenen Ton", erklärte er. Das Gehirn suche quasi danach. Das könnte nützlich sein, wenn man sich in einer lauten Umgebung unterhalten will und nicht jede Silbe des Gegenübers tatsächlich hört. Die Lücken werden dann automatisch vom Gehirn gefüllt, damit man die Gesprächspartner trotzdem versteht.

Ein stark ausgeprägter Vorhersageprozess beim Hören könnte aber auch seine Schattenseiten haben: Betroffene Menschen könnten nach einer Hörschädigung die Veranlagung dafür haben, Tinnitus zu entwickeln, also Phantomgeräusche zu hören. (apa)