Gefühle umspannen die Kontinente - nicht nur gelebt, sondern auch sprachlich. Doch hat die Emotion der Liebe im Englischen die gleiche Bedeutung wie im Türkischen oder Libanesischen? Fühlt sich Angst in Somalia genauso an wie auf Island oder in Brasilien? Kommunizieren die Übersetzungen die gleichen gelebten Erfahrungen? Diesen Fragen sind Wissenschafter der University of North Carolina in Chapel Hill, dem Max Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und der Australian National University auf den Grund gegangen. Demnach beeinflussen die kulturelle und biologische Entwicklung, wie Menschen Gefühle wahrnehmen.

Das Forscherteam um Joshua Conrad Jackson und Kristen Lindquist nahm Daten von nahezu 2500 Sprachen zur Hilfe, um Begrifflichkeiten und Bedeutungen zu vergleichen. Oftmals hat in einer Sprache ein Wort mehr als eine Bedeutung. So beschreibt etwa der Russe mit "ruka" sowohl die Hand als auch den Arm. Daher fragten sich die Wissenschafter, ob auch Emotionen vielschichtiger gesehen werden, beziehungsweise welche Gefühle als ähnlich und welche als eindeutig interpretiert werden. So fanden sie heraus, dass die Beschreibungen quer durch alle Sprache und quer über alle Kontinente hinweg unterschiedliche sind, wie die Forscher im Fachblatt "Science" berichten.

Mit der Geografie verknüpft

In manchen Sprachen wird Trauer mit Angst und Sorge verknüpft, in anderen wiederum mit Kummer. Das Team fand zudem heraus, dass die Art und Weise, wie Kulturen Gefühle zum Ausdruck bringen, mit der Geografie verknüpft ist. Sprachgruppen, die einander näher sind, teilen mehr ähnliche Sichtweisen als jene, die weit auseinander leben.

"Diese Differenz ist wahrscheinlich auf den historischen Kontakt und die Kommunikation zwischen nahe gelegenen Gruppen zurückzuführen, was zu einem stärkeren Verständnis der Emotionen geführt hat", betont Jackson in der Publikation.

Unabhängig von der Geografie unterscheiden alle Sprachen Emotionen in erster Linie danach, ob sie angenehm oder unangenehm sind und ob sie ein niedriges oder hohes Erregungsniveau aufweisen. Etwa sehen nur wenige Sprachen das erregungsarme Gefühl der Trauer als ähnlich dem erregungsreichen Gefühl des Zorns an. Und nur wenige Sprachen sehen das angenehme Gefühl des Glücks als ähnlich dem unangenehmen Gefühl des Bedauerns an, heißt es in der Studie.

Dies deute darauf hin, dass es universelle Elemente der Gefühlserfahrung gibt, die aus der biologischen Evolution stammen können. Und: "Ich war überrascht zu sehen, wie allgemein Sprachen angenehme Emotionen von unangenehmen Emotionen unterschieden", sagt Jackson.

Abgesehen von diesen Erkenntnissen zeige das Projekt, wie diese Mehrdeutigkeit semantische Assoziationen in verschiedenen Kulturen veranschaulichen kann.

Basis für weitere Forschung

"Diese großen assoziativen Netzwerke werden uns nicht nur dabei helfen, zu untersuchen, wie Menschen die Bedeutung verschiedener Konzepte verstehen, sondern sie können auch kulturelle Unterschiede in dieser Bedeutungsfindung beleuchten", erklärt Lindquist. Diese neuen Erkenntnisse könnten eine gute Basis für weitere Arbeiten sein. "Psychologen haben lange untersucht, wie Menschen ihre Welten verstehen, und zukünftige Forscher werden unsere Methode anwenden können, um das Verständnis verschiedener Arten von Konzepten zu untersuchen", freut sich die Psychologin.