Der in China kursierende neue Krankheitserreger, derzeit nach seinem Herkunftsort Wuhan-Virus genannt, ist eine Sars-ähnliche Struktur. Zu diesem Schluss kommt der Berliner Virusforscher Christian Drosten, der den Erreger der Lungenerkrankung Sars (Schweres Akutes Atemwegssyndrom) im Jahr 2002 erstmals identifiziert hatte. Damals waren ausgehend von China weltweit 8000 Fälle erfasst worden, mehr als 800 Personen fielen der Lungenerkrankung zum Opfer.

Die neue, ansteckende Krankheit war in China zum Jahreswechsel bekannt geworden. In der zentralchinesischen Elf-Millionen-Metropole Wuhan sind bisher mehrere Dutzend Menschen an dem neuartigen Corona-Virus erkrankt, einige befinden sich in kritischem Zustand. Ein 61-jähriger Pensionist ist an der Infektion gestorben. Weiters gibt es Verdachtsfälle in Thailand, Südkorea und Singapur.

"Es ist dieselbe Virusart wie Sars, nur in einer anderen Variante", erklärt Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charite in Berlin. Unterschiede gebe es vor allem bei den Proteinen, mit denen das Virus an menschliche Zellen andocke.

"Wenn man das Genom dieses Virus mit dem von anderen Coronaviren vergleicht, ist es ganz klar am nächsten mit dem Sars-Virus verwandt. Zudem erfüllt es eine ganze Reihe von Klassifikationsmerkmalen, um es in die selbe biologische Art wie das Sars-Coronavirus einzuordnen. Das heißt aber noch nicht, dass es genau so gefährlich ist. Die wissenschaftliche Grundlage bis jetzt ist eine Genom-Analyse im Computer", sagt Drosten zur "Wiener Zeitung". Dass ein unbekanntes Virus Ausbrüche beim Menschen verursacht, kommt nach seiner Einschätzung etwa alle zehn Jahre vor - das letzte Mal 2012 bei Mers (Middle East Respiratory Syndrome), eine schwere Infektion, die mit Lungenentzündung und Nierenversagen einhergehen kann.

"Das neue Virus ist in jener Gruppe des Stammbaums der Coronaviren, in die Sars sich einordnet", bestätigt Stephan Aberle vom Institut für Virologie der Medizinuniversität Wien. "Allerdings müssen jetzt, wo die Gen-Sequenz des Erregers publik ist, Nachuntersuchungen gemacht werden."

Als Herkunftsort der Krankheit gilt der Huanan-Markt in Wuhan, wo lebende Tiere verkauft werden. Während Schleichkatzen als Ursprung des Sars-Erregers gelten, könnte das Wuhan-Virus, ähnlich wie einige andere Coronaviren, von Fledermäusen stammen.

Coronaviren verursachen oft harmlose Erkältungen, jedoch gehören auch die Erreger gefährlicher Atemwegskrankheiten dazu. Das neue Virus erzeugt beim Menschen Fieber und Symptome einer Lungenentzündung. "Kein Labor kann im Moment sagen, ob das Virus im Patienten weniger oder gleich gefährlich wie der Sars-Erreger von 2003 ist", sagt Drosten. Im Moment müsse man alles daran setzen, "das Geschehen im Keim zu ersticken. Nur, wenn das Virus unabhängig vom Tier von Mensch zu Mensch übertragen wird, kann es sich an Menschen anpassen. Das muss man mit allen Kräften verhindern." Wenn es gelingt, könnte die Krankheit wieder verschwinden.

Nicht von Mensch zu Mensch

Die chinesischen Behörden haben den Tiermarkt, auf dem sich die ersten Patienten wahrscheinlich infiziert haben, mittlerweile geschlossen. Unter den rund 700 Personen, die Kontakt zu den Patienten gehabt hätten, seien keine Infektionen festgestellt worden, was allerdings nicht bedeute, dass es sie nicht geben könne. "Das Virus könnte von Menschen übertragen worden sein, die selbst symptomfrei geblieben sind", warnt Drosten.

Der Virologe geht davon aus, dass das Sars-Virus von 2002/03 heute nur noch in Tieren unterwegs ist. Er beruft sich auf eine Studie aus 2018 an Landbewohnern in China, die in der Nähe einer Fledermaushöhle wohnen, wo Sars-Vorläuferviren gefunden wurden. Die Probanden hatten Antikörper gegen diese Sars-ähnlichen Viren, woraus Drosten herleitet, dass Sars nicht nur einmal auf den Menschen oder andere Tierarten übergesprungen ist.

Zu Beginn der Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest am 25. Jänner haben asiatische Staaten die Vorsichtsmaßnahmen bei der Einreise verstärkt und Fieberkontrollen eingeführt, um eine befürchtete Ausbreitung zu vermeiden. Die Weltgesundheitsorganisation arbeitet daran, einen einheitlichen diagnostischen Test festzulegen.