Obwohl sie erst 42 Jahre alt war, soll Marie Antoinettes Haupthaar binnen kürzester Zeit schneeweiß geworden sein, nachdem sie erfahren hatte, dass sie unter die Guillotine kommen würde, berichten Historiker. Fotografisch dokumentiert ist das Ergrauen des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. 2009 trat er seine Amtszeit jugendlich-schwarzhaarig an, an ihrem Ende 2017 sah er aber wie ein abgemagerter Silberfuchs aus.

Den meisten Menschen wachsen zwischen Anfang und Mitte 30 die ersten weißen Haare. Nach und nach mischen sich immer mehr von ihnen zur Originalfarbe. Ab etwa Anfang 50 lässt sich das so entstehende Grau nur noch mit Mühe abdecken, es beginnt die Zeit monatlicher Friseurbesuche. Wer aber stark unter Stress steht, ergraut früher und schneller, berichtet ein Team im Fachmagazin "Nature". Es will bewiesen haben, was wir bisher aus Anekdoten wussten: Bei anhaltendem akuten Stress oder ernsthaften Traumata geht die Farbe der Haare rascher verloren.

"Wir haben die zuständigen Körpermechanismen identifiziert und herausgefunden, wie man stressbedingten Haarfarben-Verlust anhalten könnte", berichtet Thiago Mattar Cunha vom Zentrum für Entzündungskrankheiten an der medizinischen Universität Sao Paolo in einer Aussendung.

Ausgangspunkt war eine aus Sicht Außenstehender durchaus qualvolle Schmerz-Studie an schwarzen Labor-Mäusen vom Typ C57. Den Tieren wurde eine chemische Substanz namens Resiniferatoxin verabreicht, die einen Rezeptor im Nervengewebe aktiviert, der einen intensiven Schmerz auslöst. "Vier Wochen nachdem wir den Mäusen die Substanz verabreicht hatten, war ihr Fell komplett weiß", berichtet Cunha. Mehrere Wiederholungen der Versuchsanordnung bestätigten: Der Farbverlust war die Folge von Stress durch Schmerz.

Um die Ursache zu finden, wendeten sich die Forscher dem Sympathikus zu. Als Teil des vegetativen Nervensystems steuert dieser lebenswichtige Vorgänge und reagiert direkt auf Stress. Der Sympathikus reguliert die Organfunktionen und versetzt den Körper in hohe Leistungsbereitschaft. Er bereitet ihn bei Gefahren auf Angriff oder Flucht vor, gibt das Signal zur Ausschüttung der Hormone Adrenalin und Cortisol, lässt das Herz schneller schlagen, hebt den Blutdruck und weitet die Pupillen. Die Forscher blockierten das sympathische Nervensystem der Versuchstiere, was den Schmerz linderte - und dem Farbverlust des Felles Einhalt gebot.

Eine andere Gruppe um die Stammzellforscherin Ya-Chieh Hsu von der Universität Harvard in Cambridge, Massachusetts, konnte herausfinden, warum dies funktionierte. Stress beschleunigt nämlich die Alterung jener Stammzellen, die Melanin erzeugen.

Auch für andere Körperfunktionen relevant

Das Pigment Melanin färbt beim Menschen Haut und Haare. Bestimmte Stammzellen im Haarfollikel können sich in Melanin-bildende Zellen verwandeln. Die Enden des sympathischen Nervensystems verzweigen sich bis in die Haarfollikel. Bei Stress schütten diese Nervenenden einen Botenstoff namens Norepinephrin aus, der die Stammzellen im Haarfollikel dazu aufruft, das Pigment zu erzeugen. Norepinephrin stimuliert die Stammzellen allerdings so exzessiv, dass der Vorrat bald leer ist. "Zwar war ich davon ausgegangen, dass Stress dem Körper schadet, doch dass er dermaßen abträglich ist, lag jenseits unserer Erwartungen", betont Hsu: "Nach bloß einigen Tagen waren alle Pigment-bildenden Zellen verloren. Sie lassen sich nicht regenerieren, der Schaden bleibt." Akuter Stress kann dem Überleben dienen, doch im Fall der Haare baut er Stammzellen für immer ab.

Neu ist für die Forscher zudem, dass Nervenzellen die Funktionsweisen von Stammzellen kontrollieren können. Somit ist die Studie nicht nur für ergraute Menschen interessant. Vielmehr könnten die Erkenntnisse ein Ausgangspunkt für weitere Forschung zu den Auswirkungen von Stress auf die Organfunktionen darstellen. "Als Nächstes können wir untersuchen, wie akuter, anhaltender Stress auf andere Bereiche des Körpers wirkt", bekräftigt Hsu. In der modernen Gesellschaft, in der immer mehr in kürzerer Zeit erledigt werden muss, ist das Forschungsgebiet wohl von hoher Relevanz.