Das neuartige Coronavirus Covid-19 breitet sich weiter aus. Neue Infektionsherde in China und eine deutliche Zunahme der Ansteckungen in Südkorea, Israel und Norditalien wurden am Freitag bekannt. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das Coronavirus jeden Winkel der Welt erreicht und eine neue Epidemie ausbricht, warnen US-Forscher der renommierten Universität Harvard.

"Die internationale Gemeinschaft nimmt das Problem ernst, auch zumal  Covid-19 bereits mehr Todesopfer fordert als die Sars-Epidemie im Jahr 2000. Die WHO hat den Gesundheitsnotstand erklärt und Forscher  arbeiten weltweit an einem Impfstoff. Doch die Frage ist, ob die Welt  zu spät dran ist, zumal die Epidemie bereits wütet", schreiben David E. Bloom, Professor für Wirtschaft und Demographie, und sein Kollege Daniel Cadarette von der Harvard T.H. Chan School für Public Health in Cambridge, Massachusetts, im Online-Magazin "The Conversation". Das britische Medium veröffentlicht Ergebnisse, Kommentare und Analysen von Forschenden aus aller Welt.

Schon vor einem Jahr hatten chinesische Wissenschafter eindringlich vor dem Auftauchen eines neuen Coronavirus gewarnt (die "Wiener Zeitung" berichtete). Im Fachmagazin "Viruses" schrieben sie bereits im März 2019, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass ein neuer Erreger von Fledermäusen ausgehen werde, und es eine erhöhte Wahrscheinlichkeit gebe, "dass es in China passiert". Doch die Politik verabsäumte es, mit Maßnahmen zur reagieren.

Kosten auf vielen Ebenen

Die beiden Experten für öffentliche Gesundheit untersuchen den gesamtgesellschaftlichen Nutzen von Impfungen und anderen Interventionen gegen Infektionskrankheiten. Auch im Hinblick auf die Kosten von Epidemien halten sie es für unerlässlich, dass die Welt schon heute beginnt, die Seuche von morgen im Keim zu ersticken. "Nutzen wir die Chancen der neuen Coronavirus-Epidemie", fordern sie.

"Besonders bemerkenswert ist die Vorhersehbarkeit der gegenwärtigen Situation. Es war bekannt, dass die Epidemie durch den Kontakt zwischen Mensch und Tier entstehen würde, dass Fledermäuse etwas damit zu tun haben, dass das Epizentrum ein dicht besiedeltes Gebiet sein würde und sich das Virus durch Flugzeugreisen in die Welt getragen würde", heißt es in dem Bericht. "Man wusste auch, dass ein unbekanntes Pathogen oder eines, das ähnlich wie Zika oder Sars auf niemandes Radar war, sich blitzartig verbreiten könnte, mit signifikanten und weitreichende Auswirkungen auf Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft."

Die Befürchtungen haben sich bestätigt. Chinas Gesundheitssystem und insbesondere die Stadt Wuhan ringen damit, die Patientenversorgung zu bewältigen, durchaus auch zu Lasten anderer Therapien. Handel, Reisetätigkeit und Bildung müssen eingeschränkt werden. Quarantänen, Diskriminierung, Desinformation, und Misstrauen in Politik und Behörden belasten ohnehin angespannte internationale Beziehungen.

Nirgends ist man sicher

"Die Vorhersehbarkeit der Lage zeigt, dass weitere Epidemien ganz zwangsläufig eintreten werden, und zwar in immer kürzeren Abständen", schreiben die Forscher. Obwohl die Bevölkerung langsamer wächst, tut sie dies nicht in ökonomisch und politisch prekären Ländern, wo viele Seuchen ausbrechen. Immer mehr Menschen leben in Städten, die wie Brutkästen für Infektionskrankheiten wirken. Je älter die Bevölkerung wird, desto mehr anfällige Menschen gibt es. Durch den Klimawandel weiten Überträger wie etwa Moskitos ihre Lebensräume aus. Menschen dringen immer tiefer in die Natur vor, was die Chancen auf Übertragungen vom Tier zum Mensch steigert. Die Globalisierung bringt Epidemien bis in die letzten Winkel der Erde. Nirgends ist man sicher.

Die Forscher fordern mehr finanzielle Mittel für Therapien, medizinische Forschung an neuen Impfungen und eine stichhaltige Diagnostik. Gleichzeitig müsse der Verlauf der Ausbreitung lückenlos überwacht werden. Vor allem aber sei eine bessere Koordination zwischen Ländern, Staaten und Behörden im Gesundheitsbereich erforderlich. Um Epidemien schneller in den Griff zu bekommen, empfehlen Bloom und Cadarette die Gründung eines eigenen, globalen Gesundheitsschusses für das  Risikomanagement von Infektionskrankheiten, die der Weltgesundheitsorganisation WHO angehören könnte.