Gegen die große Unbekannte gibt es weder Medikamente noch eine Impfung. Wer sich mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 ansteckt, muss sich mit Grippe-Mitteln behelfen. Doch obwohl die Infektion Covid-19 "nur" grippeähnliche Symptome hervorruft, versetzt sie die Welt in Angst und Schrecken, und das zu Recht, sind Experten sich einig: Die bisher getroffenen Maßnahmen seien keine Übertreibung - im Gegenteil. Gebietssperren, Quarantänen und Kontrollen in Ankunftshallen seien notwendig, damit die Verbreitung des neuen Erregers nicht völlig außer Kontrolle gerät.

"Derzeit steckt eine Person zwei bis drei andere mit Sars-CoV-2 an. Die Ausbreitung kann aber nur dann gestoppt werden, wenn jeder Infizierte die Krankheit an weniger als eine Person weitergibt. Das erfordert rigorose Maßnahmen", sagt der Wiener Virologe Franz Xaver Heinz.

Das Auftreten des neuartigen Coronavirus in Norditalien, wo quasi "über Nacht" zahlreiche Todesfälle zu beklagen sind, "kam überraschend", bekräftigt der Virologe Norbert Nowotny von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. "Angesichts der Entwicklungen ist die Wahrscheinlichkeit einer Pandemie hoch, dieses Virus könnte uns bleiben und zu einer neuen Krankheit der Menschheit werden."

Immerhin ist die Genetik von Sars-CoV-2 bereits bekannt. Ein chinesisches Forschungsteam bestätigt im Fachjournal "The Lancet" die Vermutung, dass der Erreger von Fledermäusen stammt. Über Details berichtet es anhand von genetischen Diagnosen am Lungensekret von neun infizierten Personen. Acht hatten den Huanan Markt besucht, der als Ursprungsort in der chinesischen Metropole Wuhan gilt. Die neunte Person hatte sich in einem Hotel nahe dem Markt aufgehalten.

In Deutschland tödlicher

Das Coronavirus ist laut den Forschern zu 88 Prozent mit jener Version der Lungenerkrankung Sars verwandt, die heute noch in Fledermäusen vorkommt. Nur 79 Prozent seiner Gene teilt es hingegen mit der gefährlichen Lungenerkrankung im Menschen, die 2002/2003 insgesamt 774 Leben forderte, was einer Mortalität von 9,6 Prozent entsprach. Rouijan Lu und sein Team vom chinesischen Institut für Seuchenkontrolle gehen daher davon aus, dass es einen Zwischenwirt gab, der ebenfalls auf dem Markt verkauft wurde. Einer Theorie zufolge war dies der Pangolin. Das Schuppentier gilt in China als Delikatesse.

Könnte Sars-CoV-2 aber irgend wann dahingehend mutieren, dass es eine massiv tödliche Krankheit auslöst? "Das ist möglich und dann haben wir eben Pech. Es ist aber wenig wahrscheinlich", sagt Virologe Heinz.

Viren mutieren ununterbrochen. Aus diesem Grund können sie auch die Artengrenze überwinden. Die meisten Viruserkrankungen der Menschheit, auch die Masern, stammen vom Tier. "Das Virus denkt nicht, sondern es mutiert vor sich hin. Veränderungen, die sich für die Übertragung günstig auswirken, wird man am ehesten sehen und werden erhalten bleiben. Ob der Mensch dabei krank wird oder nicht, ist für den Erreger belanglos", erläutert Heinz. Erst wenn die letzte infizierte Person entweder stirbt oder die Krankheit besiegt, verschwindet ein Virus. Da Sars sich 2003 praktisch in Luft auflöste, hatte es offenbar die falsche Strategie.

Kein Impfstoff in Sicht

Wohl auch weil Sars-CoV-2 so neu ist, landen derzeit zwischen 15 und 25 Prozent der Infizierten im Spital. Ein "Riesenproblem" im Gegensatz zu Sars sei, dass Sars-CoV-2-Infizierte den Erreger auch wenige Tage vor dem Ausbruch von Symptomen nachgewiesenermaßen weitergeben können, betont Nowotny.

"Das Problem bei dem neuen Coronavirus ist, dass es zwar Menschen umbringt, die meisten aber relativ milde infiziert und sich daher sehr wirksam verbreitet", hebt wiederum Heinz hervor. Wenn Mutanten entstehen, die sich noch leichter übertragen als jetzt per Tröpfcheninfektion, jedoch weniger Symptome verursachen, würden sie erhalten bleiben. Eine schwere Infektion, die sich weniger leicht überträgt, hätte weniger Chancen. "Alles ist möglich, die Veränderungen sind nicht vorhersehbar", sagt Heinz.

Anders als die Grippe verläuft Covid-19 nicht in 0,5, sondern in zwei
Prozent der Fälle tödlich. Insbesondere Menschen mit Vorerkrankungen
tragen ein hohes Risiko. Pikantes Detail aus der Demografie: In westlichen Ländern könnte die Todesrate höher sein. "Selbst wenn sich das Virus nicht mehr verändern würde, könnte es die Welt verschieden belasten. In einer jüngeren Bevölkerung, wie in China oder in Afrika, könnte sie weniger oft tödlich ausgehen als in einer älteren, wie etwa in Deutschland", schreibt die Demografin Jessica Metcalf von der Universität Princeton in einem Tweet mit Bezug auf Berechnungen der UNO.

Für einen Impfstoff mit klassischem Entwicklungsverfahren würde die Medizin etwa 18 Monate benötigen. Da Vorarbeiten zu einem Sars-Impfstoff geleistet wurden, könnte es etwas schneller gehen, wenn die Forschungsarbeiten auf diesem Baukastensystem aufsetzen. "Allerdings benötigen wir Tiermodelle und klinische Versuche, um die Wirksamkeit zu testen", sagt Heinz. Zum Vergleich: Die Entwicklung der Impfstoffe gegen Gebärmutterhalskrebs dauerte 14 bis 16 Jahre, an einem gegen HIV oder Hepatitis C wird seit 30 Jahren gearbeitet.