"Wiener Zeitung":Warum sind die Infektionszahlen in Italien so hoch?

Pier Luigi Lopalco ist Epidemiologe und lehrt an der Universität Pisa. - © Privat
Pier Luigi Lopalco ist Epidemiologe und lehrt an der Universität Pisa. - © Privat

Pier Luigi Lopalco: Das Coronavirus wurde in Italien mehr oder weniger zufällig entdeckt. In der südlichen Lombardei ist vor Wochen ein Patient ins Spital gekommen, weil er starke Grippe-Symptome aufwies. Der behandelnde Arzt stellte eine schwere Lungenentzündung fest, wunderte sich über diese Diagnose und forschte weiter. Der Patient wurde dann positiv auf das Coronavirus getestet. Das hat die aktive Suche nach Infizierten in der Gegend ausgelöst. Weitere Fälle wurden gefunden, auf diese Weise schnellten die Zahlen nach oben.

Könnte sich das Coronavirus längst auch in die Nachbarländer Italiens weiter verbreitet haben?

Ich sage nicht, dass in anderen EU-Ländern bereits dieselbe Situation wie in Italien eingetreten ist, aber noch nicht bemerkt wurde. Aber ich denke: Wenn etwa auch in Deutschland oder Österreich aktiv nach Infektionen mit dem Coronavirus gesucht würde, würde man ebenfalls Fälle finden. Tatsache ist, dass nicht aktiv gesucht wurde.

Wäre eine aktive Suche denn sinnvoll?

Ich denke schon. Wenn Menschen mit Grippe-Symptomen zum Arzt gehen und der Grippe-Test negativ ausfällt, kann es sich in manchen Fällen um den Coronavirus handeln. Nach den äußerlichen Symptomen ist die Unterscheidung zwischen Grippe und Coronavirus nicht einfach. Es wäre also klug, die Patienten auch auf eine Corona-Infektion hin zu testen.

Was würde eine aktive Suche nach den Fällen bewirken?

Man bekäme ein realistisches Bild von der Situation und Hinweise auf den Grad der Ausbreitung der Epidemie. Wir sollten die Situation nicht unterschätzen. Es ist notwendig, die Infektionsherde abzugrenzen. Vor allem, um Zeit zu gewinnen.

Was meinen Sie damit?

Wir können die Verbreitung des Coronavirus verlangsamen, aber es wird schwierig, die weltweite Ausbreitung noch zu verhindern. Das Problem ist, dass auch Personen das Virus weiterverbreiten, die gar keine oder sehr leichte Symptome wie einen Schnupfen aufweisen.

Es geht also darum, sich auf eine weitere Ausbreitung vorzubereiten?

Ja. Wichtig ist nun, die Verbreitung so weit wie möglich zu verlangsamen. Die Gesundheitssysteme gewinnen so Zeit, sich vorzubereiten. Wenn sehr viele Erkrankte gleichzeitig Hilfe benötigen, ist das Gesundheitssystem überfordert.

Sind die Blockademaßnahmen in Italien sinnvoll?

Das ist das Einzige, was man jetzt tun kann. Man hofft, dass es sich um einen einzigen Infektionsherd handelt, der eingegrenzt werden kann. Dass das gelingt, ist wahrscheinlich. Die Verlangsamung der Ausbreitung ist ebenfalls wahrscheinlich. Dass die Epidemie ganz aufgehalten werden kann, halte ich allerdings eher für unwahrscheinlich.