Wochenlang war das Coronavirus nur ein Thema in den Nachrichten. Es grassierte weit entfernt in einem anderen Teil der Welt und betraf einen nicht. In den letzten Tagen hat sich das geändert. Im Fall des Coronavirus kommen mehrere Faktoren zusammen, die das Gefühl der Bedrohung verstärken.

Zunächst einmal werden Risiken, die nicht beobachtbar seien - etwa radioaktive Strahlen oder eben Viren - generell als bedrohlicher wahrgenommen, meint Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und spezialisiert auf die Psychologie des Risikos. "Zudem lösen neuere Risiken eine stärkere Reaktion aus als solche, an die man sich schon gewöhnt hat", erläutert der Experte. Ein weiterer Faktor sei die Unsicherheit. Noch ist unklar, wie viele Menschen letztendlich von dem Virus betroffen sein werden: "Dazu kommt, dass man das Gefühl hat, das Risiko nicht richtig beherrschen zu können. Es gibt vorerst keinen Impfstoff."

Angst

All dies hat das Potenzial, Angst auszulösen. Wer Angst hat, tendiert dazu, sich nicht mehr rational zu verhalten. Er denkt in erster Linie an sich selbst und an die engste Familie. Im Extremfall rennt die Mutter unangemeldet mit ihrem verschnupften Kind in die Arztpraxis, weil sie befürchtet, dass es das neue Coronavirus haben könnte - nicht bedenkend, dass sie in diesem Fall viele andere mit ihrem Verhalten gefährden würde. Der Mitmensch wird in erster Linie als potenzieller Krankheitsträger wahrgenommen - und nicht als jemand, den man theoretisch auch selber anstecken könnte.

Doch nicht nur der Umgang von Menschen untereinander kann sich verändern. Epidemien könnten die Beziehungen zwischen Staaten verschlechtern, sagt Maike Voss, die bei der Stiftung Wissenschaft und Politik für das Gebiet "Globale Gesundheit" zuständig ist. "Die Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation haben sich darauf geeinigt, wie sie in einem solchen Fall miteinander umgehen müssen, und das ist rechtlich bindend", sagt sie. "Man kann es vergleichen mit einem Meldewesen. Wenn ein Land einen Ausbruch hat, meldet es das an die WHO, so dass sich die anderen Länder vorbereiten können. Dafür wird es dann aber auch nicht von den anderen bestraft, etwa durch Abschottung."

Grenzen dicht

Dagegen sei allerdings schon verstoßen worden. "Russland hat die Grenzen nach China komplett geschlossen, und das ist nach internationalem Recht eigentlich nicht erlaubt." Auch die USA hätten Handels- und Reisebeschränkungen eingeführt. "Das wird in den Köpfen bleiben, auch wenn die Pandemie vorbei ist", glaubt Voss. Es gebe aber auch ein positives Gegenbeispiel: "In der EU sehen wir derzeit einen wirklichen Schulterschluss. Da gibt es ein ganz starkes Narrativ, das die Mitgliedsstaaten vereint: ein Erreger, der alle bedroht und den man gemeinsam eindämmen will."

Wie haben Menschen früher auf Epidemien reagiert? Die schlimmste Seuche des 20. Jahrhunderts war die Spanische Grippe. Dabei gehe man von 25 bis 40 Millionen Toten aus, sagt der Seuchenhistoriker Manfred Vasold. "In Deutschland allein hatten wir 250.000 bis 300.000 Grippetote." Es war also unvergleichlich viel schlimmer als heute.

Brach damals Panik aus? Überhaupt nicht. Viele Tagebuchschreiber erwähnten die Grippe kein einziges Mal. Gaststätten und Kinos blieben offen. In den Zeitungen las man kaum etwas darüber - denn man schrieb das Jahr 1918, es war die Endphase des Ersten Weltkriegs. Die Regierungen verboten der Presse, über die Grippe zu informieren, mit der Begründung, dass das die Moral der Bevölkerung schwächen würde. Das einzige Land, in dem ausführlich berichtet wurde, war das neutrale Spanien. Dadurch kam im Ausland der Eindruck auf, dieses Land wäre viel stärker betroffen. Daher der Name: Spanische Grippe. (apa, dpa)