"Wiener Zeitung": Weltweit haben sich bereits 100.000 Personen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert, immer mehr Länder sind betroffen. Dennoch erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Lage nicht zur Pandemie. Warum?

Alexander Kekulé: Die Definition von Pandemie ist ungenau und wurde von der WHO mehrmals geändert. Nach der aktuellen Definition befinden wir uns in einer Pandemie, da das Virus sich unabhängig von importierten Fällen ausbreitet. Bei einer sekundären Verbreitung in der Bevölkerung auf mehreren Kontinenten, die man mit den normalen Rückverfolgungsmethoden nicht einfangen kann, sprechen wir von Pandemie. Dieser Punkt war spätestens mit dem Ausbruch in Norditalien erreicht.

Warum hält sich die WHO zurück?

Die WHO entscheidet dies nach politischen Kriterien. Noch sind wir nämlich in vielen Ländern in einer ersten Phase, in der wir durch Rückverfolgung der Fälle und Quarantäne die Ausbreitung erheblich drosseln können. Das wird ja in Österreich, Deutschland und Italien versucht. Die meisten Pandemiepläne zielen aber auf eine zweite Phase durch Schadensbegrenzung ab, weil die Verbreitung mit organisatorischen Maßnahmen dann nicht mehr aufzuhalten ist. Jeder muss sich selbst schützen, ähnlich wie bei der Dauer-Pandemie der Grippe, die jedes Jahr in Wellen wiederkehrt. Die WHO ist der Meinung, dass man so lange wie möglich alles versuchen sollte, um einzelne Ausbruchsgeschehen zu beschränken.

Haben wir denn keine Chance mehr, die Verbreitung von Sars-CoV-2 zu stoppen?

Alexander Kekulé, geboren 1958 in München, ist ein deutscher Arzt und Biochemiker. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle an der Saale. CC/Superbass
Alexander Kekulé, geboren 1958 in München, ist ein deutscher Arzt und Biochemiker. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle an der Saale. CC/Superbass

Wir können die weltweite Verbreitung nicht mehr stoppen. Dieser Punkt ist überschritten. Wir können aber Zeit kaufen, denn in der warmen Jahreszeit nimmt die Aktivität von Coronaviren ein bisschen ab. Die Kombination von Sonneneinstrahlung, Wärme und Luftfeuchtigkeit mögen sie nicht.

Wenn aber Sars-CoV-2 im Sommer ohnehin verschwinden wird, könnten wir uns doch entspannen, oder?

Wenn wir jetzt nichts tun, um die Ausbreitung zu hemmen, rollt eine sehr hohe Fallzahl in kürzester Zeit auf die Gesundheitssysteme ein. Deswegen muss man versuchen, die Infektionswelle abzudämpfen. Außerdem wird selbst im Sommer die Aktivität des Virus nicht bei Null sein. Aber sie wird zurückgehen, weil die Corona-Viren in der warmen Jahreszeit die Umgebung verlieren, in der sie sich wohlfühlen. Im Herbst können sie allerdings wiederkommen. Für uns sind die kommenden Monate wertvolle Zeit, in der wir unsere Gesundheitssysteme besser vorbereiten können. Denn trotz aller politischer Erklärungen waren wir nicht so gut vorbereitet, wie es hieß. Zudem können wir hoffen, dass ein Wirkstoff gefunden wird, der zumindest den Schwerstkranken helfen kann. Zeit entscheidet hier über Leben und Tod.

Könnte also schon im Herbst eine neue, schwere Infektionswelle über die Welt hereinbrechen?

Das wissen wir nicht. Ich glaube aber nicht, dass es im Herbst abrupter losgeht als jetzt, da die saisonale Aktivität langsam startet. Man kann nicht im Voraus sagen, wann eine Welle ihren Höhepunkt erreicht. Es wird wahrscheinlich ein ähnlicher Verlauf sein wie jetzt, nur dass die Infektionen dann nicht mehr importiert sein werden.

Man liest unterschiedliche Zahlen. Stimmt es, dass das Coronavirus mit einer Todesrate von zwei bis drei Prozent einhergeht?

Diese Zahl ist falsch, weil sie nur anhand der registrierten Fälle berechnet wurde. Die Zahl der nicht registrierten, harmlosen Fälle ist sehr hoch. Tote kann man zählen, aber wir wissen nicht, wie viele Infizierte nicht registriert wurden, weil sie nur leichte Symptome haben. Somit ist die Dunkelziffer der Toten viel kleiner als jene der Infizierten. Die Schätzung der WHO für die Letalität von Sars-CoV-2 in China liegt bei 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Die saisonale Grippe hat eine Sterblichkeit von höchstens eins zu 1000, also höchstens 0,1 Prozent. Das Coronavirus ist somit bis zu zehn Mal gefährlicher. Daher darf man es nicht auf die leichte Schulter nehmen.

"Praktisch alle Fälle von Fieber und Erkältung sind die Grippe. Coronavirus ist die absolute Seltenheit", sagten Sie in der ARD-Talkshow "Hart aber Fair" Anfang der Woche. Bleiben Sie dabei?

Ich sage jetzt mal ein bisschen spitzfindig, das war der Stand vom Montag. Aber auch heute gilt noch, dass man sich die Relationen vor Augen führen muss. Selbst wenn in Deutschland auf seine 82 Millionen Einwohner 5000 unerkannt Infizierte kämen, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass uns einer davon gerade gegenübersteht. Ich persönlich etwa habe meine fünfjährige Tochter noch im Kindergarten, denn ich halte ihr Risiko, sich im Inland zu infizieren, momentan für sehr gering. Aber die Verbreitung erfolgt exponentiell, also muss man das von Woche zu Woche neu entscheiden.

Chinesische Forscher berichten, dass sich im Zuge der Pandemie Sars-CoV-2 durch Mutation in zwei Linien aufgespalten hat, von denen eine aggressiver geworden sei. Hat die These Hand und Fuß?

Es gibt Fachleute - bis jetzt nur in China - die dies vermuten. Häufig stellen sich jedoch Informationen aus China bezüglich des neuen Virus später als falsch heraus. Da beim Coronavirus alles so eilig ist, werden manche Sachen publiziert, die nicht wasserdicht überprüft wurden. In der Praxis bieten aktuelle Tests auch nicht die Möglichkeit, die Stämme im Patienten zu unterscheiden. Ob jemand schwere oder leichtere Symptome hat, hängt zudem stark mit genetischen Faktoren zusammen.

Derzeit werden zahlreiche Medikamente getestet. Welches davon erscheint Ihnen am vielversprechendsten?

Aus meiner Sicht ist Remdevir, das gegen Ebola entwickelt wurde, ein guter Kandidat. In Einzelfallbeschreibungen war es wirksam, jetzt werden Studien mit einigen tausend Patienten gemacht. Aus China hört man, dass auch das Grippemittel Favipiravir und das uralte Malariamittel Chloroquin eine Wirkung zeigen. Daneben wird auch eine Kombination aus den Aids-Medikamenten Lopinavir und Ritonavir getestet. Momentan wird aber fast alles ausprobiert, das irgendwo im Regal rumliegt. Selbst das Grippemittel Tamiflu wurde getestet. Tamiflu ist allerdings ein Neuraminidase-Hemmer. Da Coronaviren dieses Enzym gar nicht besitzen, ist es hier unwirksam. Wie sollten wir die bekannten Hygieneregeln befolgen, speziell wenn die Zahl der Infektionen mit dem neuen Coronavirus in den kommenden Wochen steigt.