Die Gruppe der Diabetiker wird 2040 weltweit fiktiv bereits die Einwohnerzahl des drittgrößten Landes nach China und Indien darstellen. Die Zahl der Betroffenen steigt, in den reichen Ländern zeichnet sich aber ein Plafond ab, sagte der Wiener Diabetologe Helmut Brath bei der 53. Wissenschaftlichen Fortbildung der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming (bis 11. März).

Die Zuckerkrankheit ist in diesem Jahr das Generalthema der Veranstaltung. "1995 schätzte der Internationale Diabetes-Verband (IDF; Anm.) die Zahl der Diabetiker auf 118 Millionen Menschen. 2010 sollten es 221 Millionen Betroffene sein. Es waren aber schon 366 Millionen. 2019 gab es 463 Millionen Diabetiker. Im Jahr 2040 werden es laut den Berechnungen 640 Millionen Betroffene sein", erklärte der Diabetologe vom Gesundheitszentrum Favoriten in Wien.

600.000 Diabetiker in Österreich

Damit leidet bereits jetzt jeder elfte Erwachsene weltweit an Diabetes. In Österreich sind das rund 600.000 Menschen. Einer von zwei Betroffenen weiß nichts von der potenziell lebensgefährlichen Erkrankung, die vor allem durch die Langzeitkomplikationen so gefährlich ist. Dazu gehören Atherosklerose mit Herzinfarkt, Schlaganfall und schweren Durchblutungsstörungen vor allem der Beine, Netzhautschäden mit drohender Erblindung sowie chronischem Nierenversagen. Hinzu kommen noch 374 Millionen Menschen, die bereits an Insulinresistenz und damit an einer Vorstufe von Diabetes leiden. Das ist einer von 13 Erwachsenen. Weltweit fließen rund zehn Prozent der Gesundheitsausgaben in Behandlung und Versorgung der Betroffenen.

Die Zahl der Diabetiker dürfte bis 2040 noch einmal stark zunehmen: in Europa um 15 Prozent, in Nordamerika und in den karibischen Staaten um ein Drittel. Der größte Anstieg wird in Afrika (plus 143 Prozent) und in Asien (plus 96 Prozent) zu verzeichnen sein. Allerdings gibt es auch einen Hoffnungsschimmer am Horizont. "Es scheint in den reichen Ländern eine Entwicklung mit einem Rückgang der Neuzugänge bei den Diabetikern zu geben", sagte Brath. Lebensstilveränderungen und Ernährung dürften hier eine Rolle spielen.

Mehr als 90 Prozent der Betroffenen leiden an Typ-2-Diabetes. Hier spielen in der Entstehung vor allem Ernährung, Übergewicht und mangelnde körperliche Bewegung eine Rolle. Mindestens ebenso beteiligt sind genetische Faktoren.

Veränderungen in der Behandlung

In der medikamentösen Behandlung hat es hier in den vergangenen Jahren wesentliche Veränderungen gegeben. Während früher die Senkung der Blutzuckerkonzentration auf möglichst normale Werte das oberste Ziel war, geht es jetzt vor allem um die Verhinderung der Spätkomplikationen. "Wenn ein Medikament mehr kann, als den Blutzucker zu senken, benützen wir es", sagte Brath.

Neben dem seit Jahrzehnten verwendeten oralen Antidiabetikum Metformin für Typ-2-Zuckerkranke finden immer mehr modernere Arzneimittel Verwendung. So hat eine große klinische Studie mit einem SGLT-2-Inhibitor, solche Wirkstoffe verhindern die Rückaufnahme von Zucker in den Nieren, eine Verringerung der Häufigkeit von Herzinfarkt, Schlaganfall oder Todesfällen um fast 15 Prozent gezeigt. "Bei über 65-jährigen Diabetikern ergibt das statistisch eine um zweieinhalb Jahre erhöhte Lebenserwartung", sagte Brath. Probleme bei der Erstattung von Antidiabetika durch die Krankenkassen gibt es vor allem bei der Kombination innovativer Arzneimittel.

Klassisch ist bei den Diabetikern die Einteilung in Typ-1-Diabetes (ehemals "juveniler Diabetes") mit sofortigem absoluten Insulinmangel, Typ-2-Diabetes (ehemals "Altersdiabetes") bei Insulinresistenz und erst später versagender Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse und LADA (spät auftretender Typ-1-Diabetes). Doch neue Forschungen lassen die Grenzen immer mehr verschwimmen, betonte Thomas Wascher (Hanusch Krankenhaus/Wien). So gibt es beispielsweise Typ-1-Diabetiker, die im Laufe der Erkrankung auch eine Insulinresistenz entwickeln. Hier dürften in Zukunft die Behandlungskonzepte viel individueller als in der Vergangenheit werden.(apa)