Laut der Johns Hopkins Universität in der US-Hauptstadt Washington waren am Mittwoch um 12.45 Uhr weltweit 121.098 Menschen mit Sars-CoV-19 infiziert und 4366 von ihnen der Krankheit erlegen. Auf dem Taschenrechner würde sich daraus eine weltweite Todesrate von 5,28 Prozent ergeben. Doch diese Zahl bildet nicht die Realität ab, da weder alle Fälle registriert sind, noch alle Infizierten getestet werden. Somit wird man erst mit mehr Erfahrung vom Verhalten des neuartigen Coronavirus sagen können, wie tödlich Covid-19 wirklich ist.

"Die Zahlen hängen davon ab, welches Grundkollektiv man nimmt. Zu Beginn der Epidemie wurden Patienten gezählt, die bereits eine Lungenentzündung hatten, also schwer erkrankt waren. Doch das ist nur ein kleiner Teil. Das Kollektiv ohne Lungenentzündung, bei dem die Infektion leicht verläuft, ist weitaus größer", erklärt Heinz Burgmann, Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin der Uniklinik für Innere Medizin I in Wien. "Wenn man alle Menschen miteinberechnet, die mit dem Virus infiziert sind, sinkt die Sterblichkeit deutlich."

Nur Tote kann man zählen

Erst vor wenigen Tagen kalkulierte der US-Virologe Vincent Racaniello von der Columbia University in New York eine weltweite Mortalitätsrate durch Covid-19 von 3,4 Prozent. Zu diesem Zeitpunkt lag die Welt bei 3214 Todesfällen und 94.250 registrierten Erkrankungen. "Die Zahlen sind hoch, sie passen aber nicht immer und sind durch viele Faktoren beeinflusst", schrieb der Experte auf seinem "Virology Blog". Etwa seien per 5. März 2020 in den USA 128 Infektionen und neun Todesfälle registriert worden, was eine Todesrate von sieben Prozent ergäbe. Derart geringe Fallzahlen hätten allerdings wenig Aussagekraft für statistische Kalkulationen.

"Die Dunkelziffer der Toten ist weitaus kleiner als jene der Infizierten", stellte kürzlich der deutsche Virologe Alexander Kekule in der "Wiener Zeitung" klar: "Tote kann man zählen. Aber wir wissen nicht, wie viele Infizierte mit nur leichten Symptomen zu Hause bleiben oder gar nicht merken, dass sie sich angesteckt haben, und sich daher gar nicht testen lassen."

In Italien, wo insbesondere in den ersten Wochen der Epidemie wenig getestet wurde, blieben viele Fälle lange unerkannt. In der ältesten Bevölkerung Europas konnte sich das Virus schrankenlos verbreiten. Bis Ende Februar meldete Italien nur klinisch relevante Fälle. Selbst heute wird, wie in Österreich, nicht flächendeckend, sondern nur bei Symptomen getestet.

Alter ein Risikofaktor

Mittwoch Mittag hatte das Land 10.149 Fälle, 631 Tote und eine Todesrate von fünf Prozent zu verbuchen. "Manchen Projektionen zufolge ist das Virus wahrscheinlich seit Mitte Jänner in Italien im Umlauf. Eine Reihe von Todesfällen wurden zunächst anderen Ursachen zugeschrieben", berichtet der deutsche Coronavirus-Experte Christian Drosten in seinem Podcast im Sender NDR.

Zum Vergleich: Die WHO bezifferte vor wenigen Tagen die Letalität allein in China bei nur noch 0,7 Prozent, weil die rigorosen Quarantäne-Maßnahmen sowie die Bemühungen, möglichst alle Fälle zu verzeichnen, gegriffen hätten. Auch Südkorea liege zwischen 0,6 und 0,7 Prozent. Die Erklärung: "Südkorea testet in sehr großer Anzahl, hat fast 200.000 Labortests gemacht. Wir haben dort ein Ausbruchsgeschehen, das durch Labortests regional erreichbar ist. So haben wir hier eine andere Situation in der Statistik als in Italien, wo die Kapazität in der Intensivmedizin an ihre Grenzen kommt."

Möglicherweise ist die Altersstruktur der Bevölkerung ein wichtiger Faktor. 23 Prozent der Italiener sind älter als 65, 60 Prozent der Todesopfer über 80 Jahre alt. Das mediane Alter liegt bei 46,3 Jahren. Bestimmende Faktoren für die Schwere einer Covid-19-Erkrankung sind neben einem hohen Alter Organversagen im Verlaufe der Erkrankung sowie die Neigung zu Thromboembolien, wie chinesische Forscher in "The Lancet" berichten. Experten der chinesischen Akademie der Wissenschaften haben die Daten von 191 Patienten des Jinyintan-Spitals und der Pneumologischen Klinik in Wuhan analysiert. 137 Patienten wurden als geheilt entlassen, 54 waren gestorben. Das mediane Alter lag bei 56 Jahren. Den Ergebnissen zufolge steigerte sich die Mortalitätsrate pro Lebensjahr um rund zehn Prozent.

Gegenbeweis St. Louis

Um die Ausbreitung einzudämmen, gibt es weltweit restriktive Maßnahmen. Inwieweit die gesetzten Schritte Sinn machen, zeigt ein Blick in die USA - zurück ins Jahr 1918. Am 18. September trat in Philadelphia erstmals jene Influenza auf, die als Spanische Grippe in die Geschichte einging. Am folgenden Tag waren mehr als 500 Menschen krank. Zehn Tage später traf die Stadt eine schicksalhafte Entscheidung: Trotz Protesten wurde eine Parade mit 200.000 Teilnehmern abgehalten. Nur eine Woche später wurden 636 neue Infizierte und 139 Tote gemeldet. Auf dem Höhepunkt der Philadelphia-Epidemie starben an einem Tag 1700 Menschen. Schulschließungen, Verbote von Versammlungen und andere Maßnahmen waren erst am 3. Oktober umgesetzt worden.

Einer Studie des US-Forschers Richard Hatchett aus dem Jahr 2018 zufolge war das größte Problem das Fehlen von Führungsqualitäten. Als Gegenbeweis führte er St. Louis an. Die Stadt profitierte offensichtlich von ihrem damaligen Gesundheitskommissar Marx C. Starkloff. Schon wenige Tage nach Krankheitsausbruch ließ er Schulen, Fabriken, Theater und Geschäfte schließen. St. Louis verzeichnete mit nur 358 Toten pro 100.000 Einwohnern eine der niedrigsten Todesraten im Land.

Die Sterblichkeitsrate für Covid-19 steht noch in den Sternen, denn, "erst wenn wir den Verlauf der Erkrankung besser kennen, wird es verlässliche Zahlen geben", sagt Burgmann.