Üblicherweise verabschieden sich Viren bei steigenden Temperaturen. Zumindest präsentiert sich dieses Phänomen alljährlich bei der saisonalen Grippe. Ob das beim Coronavirus ebenso zutrifft, ist noch unklar. Experten hoffen dennoch, dass das sich nähernde Frühlingswetter auf der Nordhalbkugel die Ausbreitung von Covid-19 verlangsamen oder sogar stoppen könnte.

Es ist zu früh, um erkennen zu können, ob das Klima tatsächlich einen Einfluss hat. Doch immer wieder werden Vergleiche zur Grippe herangezogen, die vorwiegend ein Phänomen des Winters ist. In vielerlei Hinsicht ähnelt die neue Erkrankung auch der Influenza. So verbreiten sich die Krankheitserreger auf ähnliche Weise und verursachen auch ähnliche Beschwerden, die bis zur lebensbedrohlichen Lungenentzündung führen können. Die Übertragbarkeit und der Schweregrad von Covid-19 sind allerdings viel größer als bei der Grippe, betont der Virologe Jeremy Rossman von der University of Kent, auf der Website theconversation.com.

Einflussfaktor Immunsystem

Ein Einflussfaktor ist auch das menschliche Immunsystem, das sich im Verlauf des Frühjahrs, auch durch vermehrte Sonneneinstrahlung, positiv verändert. Das stärkende Vitamin D und Melatonin nehmen bei mehr Sonnenlicht wieder zu. Der Mensch ist weniger anfällig für virale Erkrankungen. Zudem verbringen wir in den Wintermonaten mehr Zeit in Innenräumen und damit in unmittelbarer Nähe zu anderen Menschen, was die Ansteckung fördert. Trockene Luft, wie sie im Winter vorherrscht, macht es den Viren leichter, sich in der Luft zu halten. Zudem schwächt sie im Zusammenhang mit kalten Temperaturen die Schleimhäute und damit wiederum auch das Immunsystem.

Bei wärmeren Temperaturen verlieren die Grippeviren auch ihre Schlagkraft, weil die aus Fetten bestehende Virushülle zerfalle, so der Experte. Forscher schließen auch nicht aus, dass das Virus durch die zunehmende UV-Strahlung Schaden nehmen könnte und dadurch die Ausbreitungsgefahr verringert würde. "UV-Licht baut Nukleinsäure ab. Es sorgt fast dafür, dass Oberflächen sterilisiert werden", sagt Ian Lipkin, Direktor vom Center for Infection and Immunity der Columbia University.

Einige andere Coronaviren sind auch saisonabhängig und verursachen in den Wintermonaten Erkältungen, erklärt Rossman. Ebenso hatte die Sars-Epidemie 2002 bis 2003 im Winter auf der Nordhalbkugel begonnen und im Juli geendet. Ihren Höhepunkt hatten die Sars-Fälle allerdings im wärmeren Mai, was dem Sommerwetter damit einen geringeren Einfluss auf eine reduzierte Virusübertragung zusprechen würde. Und auch das verwandte Mers-Coronavirus wird hauptsächlich in heißen Ländern übertragen, erklärt der Virologe.

Expertenmeinung wankt

"Wir können die weltweite Verbreitung nicht mehr stoppen. Dieser Punkt ist überschritten. Wir können aber Zeit kaufen, denn in der warmen Jahreszeit nimmt die Aktivität von Coronaviren ein bisschen ab. Die Kombination von Sonneneinstrahlung, Wärme und Luftfeuchtigkeit mögen sie nicht", betonte zuletzt der deutsche Virologe Alexander Kekule, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Halle in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Im Moment ist meine Einschätzung mehr, dass wir doch eine direkt durchlaufende Infektionswelle bekommen. Das heißt, wir müssen damit rechnen, dass ein Maximum von Fällen in der Zeit von Juni bis August auftreten wird", betont wiederum Christian Drosten, Chef der Virologie der Berliner Charité, auf "Focus online".

Das nahende wärmere Wetter könnte also die Virusübertragung auf der Nordhalbkugel verringern - muss aber nicht. Doch sei es auf jeden Fall höchst unwahrscheinlich, dass die klimatischen Bedingungen selbst diese Pandemie beenden, schließt Rossman.