Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hat der Forderung von SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner nach flächendeckenden Testungen zum Coronavirus eine Absage erteilt. "Eine flächendeckende Testung wird von unserem Fachbeirat als nicht sinnvoll bewertet und ist auch aufgrund der Ressourcen nicht umsetzbar", erläuterte der Ressortchef am Montag auf Anfrage der apa. 

"Wir erhöhen schrittweise die Zahl der Testungen in Österreich - es bleibt bei klaren Schwerpunkten: Verdachtsfälle laut Falldefinition, oder Entscheidung des niedergelassenen Arztes, aber vor allem alle Gesundheitsberufe als Zielgruppe", bekräftigte Anschober. Er betonte, dass im Laufe der vergangenen Woche die Testkapazität von 1.000 bis 1.500 Testungen pro Tag in zehn Labors auf derzeit etwa 2.000 bis 4.000 Tests pro Tag in 20 Labors verdoppelt wurde. Laut Anschober steigt die Zahl der täglich möglichen Tests täglich, weil sich immer mehr Labors aus dem niedergelassenen Bereich mit sogenannten Hochdurchsatzgeräten ausstatten. Eine präzise tagesaktuelle Angabe sei daher schwierig.

Die Wiener Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl beurteilt die Entwicklungen positiv. - © APAWeb /HELMUT FOHRINGER
Die Wiener Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl beurteilt die Entwicklungen positiv. - © APAWeb /HELMUT FOHRINGER

Automatisierte Laborstraßen

Auch die Wiener Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl spricht davon, dass die Testkapazitäten  momentan "massiv aufgestockt" werden, flächendeckende Testungen allerdings nicht sinnvoll wären. Eine große Hoffnung sei, dass mit nun verfügbaren SARS-CoV-2-Testkits für Großgeräte - sogenannte automatisierte Laborstraßen - die durchführbaren Testzahlen stark gesteigert werden. "Diese 'Kits' werden jetzt produziert und sind zum Teil auch schon zugelassen. Es wollen sie aber natürlich jetzt alle haben", sagte Puchhammer-Stöckl. Die Bemühungen seien groß, diese auch zu bekommen.

Die Forscherin beurteilt die Entwicklung positiv: Trotz insgesamt starker Erhöhung der Gesamtfälle an nachgewiesenen Covid-19-Erkrankungen, erkennt sie einen prozentuell geringeren Zuwachs. Es lässt sich demnach ein "sehr leichten Trend in die richtige Richtung - also weg vom exponentiellen Wachstum" beobachten. 

Dass eine Verbesserung der Lage noch nicht deutlicher ist, sei anzunehmen gewesen, da aufgrund der längeren Inkubationszeiten von im Schnitt vier bis sechs Tagen mit Verzögerungen zu rechnen war. "Als die Maßnahmen in Kraft getreten sind, waren ja schon all jene infiziert, die in den letzten Tagen als Infektionen nachwiesen wurden", sagte die Wissenschafterin vom Zentrum für Virologie der Medizinischen Universität (MedUni) Wien. Greifen die gesetzten Maßnahmen zur sozialen Distanzierung, müsste das im Laufe dieser bzw. Anfang kommender Woche noch besser zutage treten.

Problemfall Dunkelziffer

Die große Frage der Dunkelziffer an infizierten Personen beschäftige momentan viele Experten, die Angaben in Publikationen würden allerdings erheblich schwanken - vom einstelligen Prozentbereich bis zu 50 Prozent und mehr -, und seien daher mit Vorsicht zu genießen, sagte die Expertin. In Wuhan - dem Ausgangspunkt der Pandemie - gehe man momentan von einer Durchseuchungsrate von um die 20 Prozent aus, was rund zwei Millionen Infizierten entspräche, so die Forscherin. Demgegenüber stehen rund 80.000 nachgewiesene Fälle.

In Publikationen aus verschiedenen Ländern gebe es allerdings zahlenmäßig "wirklich alles. Man kann sich das sozusagen aussuchen", so Puchhammer-Stöckl. Insgesamt sei eine hohe Dunkelziffer wünschenswert, "weil das bedeutet, dass die Krankheit nicht so gefährlich ist und viele sie asymptomatisch durchgemacht haben".

Vorsicht bei Schnelltests

In punkto Schnelltests sei bei weitem nicht alles Gold, was glänzt: "Zum Teil ist das auch 'Fake'." Bei der tatsächlichen Aussagekraft müsse man hier vielfach aufpassen. Es gebe aber auch die Hoffnung auf frühe Schnelltests auf Antigen-Basis, wo nicht kompliziert nach dem Coronavirus-Erbgut, sondern nach ausschlaggebenden Virusproteinen gesucht wird. Puchhammer-Stöckl: "Das ist auch noch ein Aspekt auf den man durchaus setzt, denn das wäre dann sehr effizient."

Neben all diesen teils technischen Fragen sei einfach zu wünschen, "dass sich die Leute wirklich an die Maßnahmen zur Distanzierung halten. Das ist wirklich der Schlüssel zu allem und das beste, das man tun kann".(apa)