Ausgangsbeschränkungen, Hausquarantäne, Homeworking, Familien, die 24 Stunden am Tag regelrecht aneinanderkleben, und vieles mehr - aktuell befinden wir uns in einer noch nie da gewesenen Ausnahmesituation. Für die Psyche bedeutet dies eine massive Stressbelastung. Die Folge ist ein über lange Zeit hinweg wirkender erhöhter Adrenalinstatus. "Dieser macht nicht unbedingt lösungsorientiert und auch nicht mental flexibel", beschreibt die Wiener Psychotherapeutin und Erziehungsberaterin Martina Leibovici-Mühlberger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die derzeitige Lage. Strukturen und den bisherigen Tagesrhythmus beizubehalten, sei das Gebot der Stunde. Das gebe einem auch das Gefühl, nicht Spielball der Situation zu sein. Seit Beginn der Corona-Krise ist alles anders - nicht nur innerhalb der Familien. Die Krise verändert aber nicht nur soziale und wirtschaftliche Gegebenheiten, sondern die gesamte Zivilisation und unser Menschenbild, ist die Expertin überzeugt.

Orientierung gegen Chaos

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Die Menschen spüren einen massiven Einschnitt. Das schafft Unruhe und führt nicht zuletzt zu Selbstzweifeln. Alte Traumen und Konflikte zwischen Familienmitgliedern können wieder hochkommen. Jetzt sei es besonders wichtig, innerhalb des eigenen Lebensbereichs tägliche Routinen zu erhalten, rät Leibovici-Mühlberger. Strukturen geben Halt und Orientierung und helfen gegen ein anbrandendes Gefühl von Chaos. Sie vermitteln Sicherheit und geben damit auch Stärke. "Und wenn der Mensch das Gefühl hat, er plant und er legt fest, dann führt er sich weit sicherer." Es gelte nun, den Tagesablauf für alle Familienmitglieder konkret zu planen. Zudem sei es nötig, die Impulskontrolle und die Selbstorganisation der Kinder jetzt verstärkt anzuleiten beziehungsweise auch zu kontrollieren. Bisher war die Lebensablaufstruktur zum größten Teil von außen vorgegeben und gesteuert. Kindergarten, Schule und Musikstunden etwa bei den Kindern, der Fulltime-Job bei den Erwachsenen. Durch Corona und Heimquarantäne ist diese äußere Strukturgebung einfach nicht mehr vorhanden.

Überdies sei es wichtig, soziale Kontakte zu pflegen. Hierbei zeige sich ein bemerkenswerter Effekt. Gerade in Krisensituationen zeige sich, "wer ist wirklich Freund". "Ich glaube, dass wir hier durch diese Krise wacher hervorgehen, dass wir vielleicht auch ein Stück lernen, das Leben ins Wirkliche zu drehen, was auch wirklich wichtig ist. Der ganze oberflächliche Content ist auf einmal out", so Leibovici-Mühlberger.

In Akutsituationen gibt es Ansprechpartner. Gemeinsam mit ihrem Team an Lebens- und Sozialberatern bietet die Expertin über ihre Plattform www.fitforkids.at derzeit kostenlose psychosoziale Online-Beratung für Kinder, Jugendliche und Familien an. Eine Kooperation mit der Wirtschaftskammer soll folgen, um das Angebot in viele Bereiche des täglichen Lebens aufzusplitten und den Menschen Experten in mehreren Fachbereichen anbieten zu können.

Diese Veränderung bedürfe auch Begleitung. Dass Veränderung stattfindet, ist für jeden hautnah zu spüren. Doch was wird nach Corona sein? "Das wissen wir noch nicht", so Leibovici-Mühlberger, und hänge auch davon ab, wie lange "der Spuk" noch anhält. Es gebe zwei Sichtweisen: Entweder bleibt die Zeit als das Corona-Jahr in Erinnerung oder es handelt sich um einen historischen Zeitpunkt, an dem die gesamte Zivilisation vor einer Weggabelung steht. Die Frage sei auch, wie lange wir das durchhalten werden und ob es einen Kipppunkt gibt.

Zivilisation neu erfinden

"Ich persönlich glaube, wir stehen an einer Gabelung und müssen uns als Zivilisation neu erfinden." Dieses disruptive Ereignis Covid zwinge uns, in unsere Studierzimmer zu gehen und nachzudenken, uns mit vielen Menschen global zu vernetzen und vorzustellen, was brauchen wir jetzt für ein neues Menschenbild. So gelte es, die großen Strukturen, die Abläufe auf unserem Globus auf ihre Verträglichkeit hin zu prüfen. Systemtheoretisch sei es ein Wunder, dass Corona erst jetzt eingetreten ist. "Wir sind ein großes vergleichsweise weltoffenes Säugetier. Und wir sind überall. Wir haben uns rasend vermehrt und sind damit bereits dicht gepackt auf unserem Globus." Dank unseres konsumatorischen Mindsets haben wir weltweit unglaublich viele Bewegungen. Die Ursache für die aktuelle Situation sieht Leibovici-Mühlberger nicht zuletzt auch in der exponentiellen Technologieentwicklung. "Unsere Lebensart ist die Petrischale dafür."

"Wenn wir jetzt nicht überlegen, wie wir uns neu aufstellen, drohen wir, gegen die Wand zu knallen." Wir brauchen statt dem Homo sapiens bestialis, der für das alles verantwortlich ist, den Homo sapiens socialis. Der Mensch, der es versteht, die Balance zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl zu halten.