Warnung aus Zams: In der 3400-Seelen-Gemeinde in Tirol, nur wenige Kilometer vom Hotspot St. Anton entfernt, erkranken auch jüngere, ansonsten gesunde Menschen schwer an Covid-19. "Dass vor allem Personen über 65 gefährdet sind, kann ich hier nicht bestätigen", sagt Alois Süssenbacher, Ärztlicher Leiter des Krisenstabs Zams am Spital St. Vinzenz, zur "Wiener Zeitung". "Das mittlere Alter unserer Intensiv-Patienten ist 50. Wir hatten einen 19-jährigen, den konnten wir jetzt in ein normales Bett verlegen, jetzt ist unser jüngster Intensiv-Patient 40 Jahre alt."

Der Stellvertretende Leiter für Innere Medizin sieht auf seiner Intensivstation in Zams, die dichter belegt ist als jene in Wien, die gleiche Altersstruktur wie in den Krankenhäusern Italiens, das derzeit am härtesten vom Coronavirus betroffene Land. "Ich glaube, es ist nicht allen bewusst, was wirklich los ist. Wir haben Leute, die voll im Leben stehen", sagt Süssenbacher. "Es stimmt nicht, dass Sars-CoV-19 nur für Ältere gefährlich ist. Bei ihnen ist zwar die Sterblichkeitsrate höher, weil sie oft mehrere scherwiegende Erkrankungen zugleich haben. 45- bis 70-Jährige haben nur Lungenprobleme durch Covid-19 und können geheilt werden, erleiden aber ebenfalls schwere Verläufe."

In Großbritannien machen Corona-Todesfälle von sogar noch jüngeren Menschen traurige Schlagzeilen. Ein 18-Jähriger aus der nordenglischen Stadt Coventry ist der bisher Jüngste auf den Britischen Inseln, der an Covid-19 verstorben ist. Er hatte allerdings Vorerkrankungen. Doch das ist längst nicht bei allen unter 50-jährigen Todesopfern der Fall. Mittwoch verstarb eine 36-jährige Mutter aus London ohne Vorerkrankungen, ebenso wie ein 37-jähriger britischer Diplomat.

Ausnahmen der Regel

In Deutschland liegt laut dem Robert-Koch-Institut das Durchschnittsalter der Infizierten bei 45, jenes der Todesfälle bei 81 Jahren. In Italien enden 0,4 Prozent der Fälle von 40-Jährigen, die sich angesteckt haben, mit dem Tode, verglichen mit 19,7 Prozent bei den über 80-Jährigen. "Obwohl die vorliegenden Beweise darauf hindeuten, dass Personen über 60 am stärksten gefährdet sind, sind auch junge Menschen, einschließlich Kinder, gestorben", heißt es auf der Website der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Nach wie vor gelten die genannten Fälle als Ausnahmen der Regel, doch das Coronavirus gibt ständig neue Rätsel auf. Unklar ist vor allem, wie die Krankheit Personen von vergleichbaren Gesundheitszuständen so unterschiedlich belasten kann.

"In der Regel können sich Kinder bis 20 Jahre zwar infizieren, erkranken aber nicht schwer. Und bei Erwachsenen hält sich das Virus in der ersten Phase im Bereich oberen Respirationstraktes auf. In dieser Phase im Speichel- und Nasentrakt hat es die höchste Ansteckungskraft", erklärt die Immunologin Ursula Wiedermann-Schmidt von der MedUni Wien. Während dieser Zeit könne das Immunsystem eine Abwehr aufbauen, die zu einem Abflachen der Symptomatik führen könne, wodurch die Viren den unteren Respirationstrakt gar nicht erreichen. Bei Risikopatienten würde das Immunsystem aber in dieser ersten Phase weniger Wirkung entfalten, wodurch die Erreger bis in die Lunge gelangen. "In der Regel dürften diese beiden Komponenten bei Jüngeren nicht so schwer zusammenkommen", sagt Wiedermann-Schmidt.

Zwei Stämme des Virus

Der Tod einer jungen Frau in Südfrankreich nach einer Coronavirus-Infektion ist eben nicht die Regel. Der tragische Fall hat eine Debatte über die Gefährlichkeit des Virus an sich entfacht. Die 16-jährige Julie soll keine Vorerkrankungen gehabt haben. Vom Kommunalkrankenhaus in Longjumeau wurde sie in das Kinderkrankenhaus Necker gebracht, wo die besten Covid-19-Spezialisten tätig sein sollen. Der Test aus Necker fiel negativ, jener aus Longjumeau aber positiv aus. Julies Zustand verschlechterte sich rapide, sie wurde intubiert, aber ohne Erfolg. "Ihre Lungen haben nicht mehr gearbeitet", schildert ihre Schwester der "Agence France Presse". Laut dem Leiter der französischen Gesundheitsbehörde, Jerome Salomon, sei Julies Tod eine "sehr wichtige Information". Auch wenn es extrem selten sei, könnten jüngere Menschen an einer "schweren Form" von Sars-CoV-2 erkranken.

Wie die "Wiener Zeitung" berichtete, gehen Mediziner davon aus, dass der Erreger bereits früh zwei Formen annahm. "Es gibt einen weniger pathogenen Stamm, der in der Evolution größere Chancen hat. Wenn ein Virus weniger tödlich ist, können es mehr Menschen streuen", sagte etwa der Immunologe Josef Penninger, der an einer Studie hierzu beteiligt ist. In Europa kursiere derzeit diese leichtere Variante - aber nur hauptsächlich.