Wien. Das Coronavirus Sars-CoV-2 könnte sich doch mit dem bloßen Atem übertragen. Diesen beunruhigenden Verdacht äußert die US-Akademie der Wissenschaften (NAS). Wenn die honorige Institution recht hat, wäre es möglich, dass sich der Erreger schneller als angenommen verbreitet. Er würde dann nicht nur über Tröpfchen aus Husten oder Schnupfen die Menschen anstecken, sondern auch still, heimlich und leise über die Luft.

Obwohl bisherige Studien aufgrund ihrer geringen Größe nicht als Nachweis gelten könnten, "passen die Ergebnisse zu einer früheren Studie, wonach Sars-CoV-2 sich in der Luft in Aerosolen hält", sagt Harvey Fineberg, Präsident der Gordon and Betty zur Erforschung von Infektionskrankheiten und ehemaliger NAS-Präsident, im Fachmagazin "Science". Seine Bedenken hat Fineberg in einem Brief an das Office of Science and Technology im Weißen Haus geäußert.

Masken damit noch relevanter

Bisher gingen Wissenschafter davon aus, dass die durch das Coronavirus Sars-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19 eine Tröpfcheninfektion ist. Wegen der Schwerkraft halten sich die Tröpfchen, die infizierte Menschen beim Husten oder Niesen auswerfen, höchstens zwei Meter in der Luft, bevor sie zum Boden fallen, oder auf glatte Oberflächen. Wenn Menschen diese Oberflächen berühren und danach die Finger in Mund oder Nase nehmen, können sie sich anstecken, wer angehustet wird, ebenso. Wenn das Coronavirus aber auch in dem feinen Dunst verbleibt, den jeder Mensch beim Atmen erzeugt, wird es weitaus schwieriger, die Pandemie zu bekämpfen. Dann wäre die Sinnhaftigkeit des Tragens von Gesichtsmasken mit einem Schlag unbestritten.

Eine Debatte zum Übertragungsweg hatte sich entfacht, nachdem Forscher im "New England Journal of Medicine" berichtet hatten, dass sich Sars-CoV-2 in Aerosolen hält und dort bis zu drei Stunden lang infektiös bleiben kann. Fineberg und seine Kollegen von der NAS beziehen sich nun auf weitere Studien. Unter anderen hat das University of Nebraska Medical Center virale RNA (Erbmaterial) in der Luft von Isolationskrankenzimmern gefunden, in denen Covid-19-Patienten behandelt wurden. Die Partikel waren mehr als zwei Meter von den Patienten entfernt. Das Vorhandensein von Viren-RNA in der Zimmerluft weise darauf hin, dass sich der Erreger sehr wohl auf diesem Weg verbreiten könnte, betont Studienleiter Joshua Santarpia. Allerdings seien die Partikel nicht infektiös gewesen.

Kontroverse um Tränenflüssigkeit

Kontrovers diskutiert wird auch die Frage, ob sich das Coronavirus mit der Tränenflüssigkeit überträgt. Laut einer Studie aus Singapur geht hiervon nur eine geringe Ansteckungsgefahr aus. Um die von der Tränenflüssigkeit ausgehende Infektionsgefahr zu untersuchen, nahmen die Wissenschafter bei 17 Patienten, die wegen der durch das Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 in stationärer Behandlung waren, über drei Wochen Tränenproben aus beiden Augen. In keinem Fall konnten sie das Coronavirus nachweisen.

"Dieses Ergebnis legt die Vermutung nahe, dass sich Covid-19 nicht von den Atemwegen auf die Tränenwege ausbreitet", räumt Frank Holz von der deutschen Stiftung Auge ein. Anders verhalte es sich möglicherweise, wenn eine infizierte Person an einer Bindehautentzündung leidet. Laut einer chinesischen Studie mit 30 Teilnehmern fand sich das Virus in der Tränenflüssigkeit.