Ottawa/Wien. Seit dem Ausbruch der Krankheit Covid-19 im Dezember in China rätselt die Wissenschaft über den Ursprung des Coronavirus Sars-CoV-2. Die weitgehend akzeptierte These ist, dass sich das Virus in Fledermäusen gerierte und über Schuppentiere die Spezies Mensch erreichte.

- © APAweb/dpa/Roland Weihrauch
© APAweb/dpa/Roland Weihrauch

Fledermäuse gelten als Reservoir für gefährliche Pathogene, sie selbst werden aber nicht krank. Als Folge rüsten die Viren auf. Wenn sie uns Menschen befallen, ist unsere Abwehr überfordert. Damit Fledermaus-Viren aber auf Menschen überspringen können, benötigen sie vielfach einen Zwischenwirt. Das Coronavirus im Schuppentier unterscheidet sich jedoch stärker von dem im Menschen. Grund genug für Xuhua Xia von der kanadischen Universität Ottawa, diese These zu prüfen.

Xia und seine Kollegen haben den genetischen Fingerabdruck des Coronavirus in verschiedenen Tierarten untersucht. Sie kommen zum Schuss, dass die Pandemie ihren Ausgang in Hundekot nahm. "Unsere Beobachtungen lassen eine neue Hypothese zur ersten Ansteckung mit Sars-CoV-2 zu", wird Xia in einer Aussendung des Fachjournals "Molecular Biology and Evolution" zitiert: "Die Vorversion von Sars-CoV-2 und des verwandten Fledermaus-Coronavirus infizierte die Gedärme von Hundeartigen, was zu einer rapiden Evolution des Virus in wild lebenden Hunden geführt haben könnte, sodass es später auf den Menschen überspringen konnte."

Hund, der in 1960ern lebte

Xia studiert die molekularen Signaturen von Viren in verschiedenen Wirten. Wenn ein viraler Erreger Wirtszellen kapert, liefern ihm die Wächter des Immunsystems eine Schlacht. Der Eindringling reagiert mit Veränderungen in seinem Genom. Das Wächter-Protein in den Zellen von Säugetieren heißt ZAP. Es orientiert seine Abwehr an zwei Nukleotiden namens CpG. Das Virus aber boxt zurück, indem es CpG zerstört. Anhand von Analysen von 1252 Betacoronaviren-Genomen berichtet Xia, dass Sars-CoV-2 und die Fledermaus-Variante BatCoV RaTG13 am erfolgreichsten waren. "Das Genom von BatCoV RaTG13, das 2013 einer Fledermaus in Yunnan entnommen, aber erst 2019 nach dem Ausbruch sequenziert wurde, ist der nächste phylogenetische Verwandte zu Sars-CoV-2, die Sequenzen stimmen zu 96 Prozent überein", so Xia. Doch als er canine Coronaviren (CCoVs) untersuchte, die hochansteckende Darmerkankungen in Hunden auslösen, entdeckte er, dass die CpG-Werte jenen in Sars-CoV-2 and BatCoV RaTG13 sehr ähnlich sind. In Hunden betritt das Virus die Zelle zudem über denselben Rezeptor, ACE-2, wie bei Menschen, der auch im Darm vorkommt. Xia geht davon aus, dass die beiden Coronaviren in der Fledermaus und im Menschen auf ein Coronavirus im Hund zurückgehen, der in den 1960er Jahren lebte.(est)