"Wiener Zeitung": Kleine Geschäfte, Baumärkte und Gartencenter sind wieder geöffnet. Wie funktioniert die Maßnahmen-Lockerung ohne neue Coronavirus-Infektionen?

Martin Sprenger: Die letzten vier Wochen waren die Phase des Shutdowns, der Distanzierung und der Quarantäne, um Tempo aus dem Geschehen zu nehmen, Intensivstationen zu schützen und Zeit zu gewinnen. Diese erste Phase war dank vieler richtiger Entscheidungen erfolgreich: Das Infektionsgeschehen wurde deutlich zurückgefahren. Jetzt beginnt eine zweite Phase von vier bis acht Wochen, in der wir einen entscheidenden Parameter nicht kennen: das Ausmaß der Herdenimmunität. Es sagt uns, wie viele Personen immun sind oder die Krankheit bereits durchgemacht haben, wobei es große Unterschiede zwischen den Regionen geben wird. In den kommenden Wochen werden wir sehr vorsichtig sein und das Geschehen noch engmaschiger beobachten müssen.

Wie kann das gelingen?

Sentinel-Praxen wären eine Hilfe. Normalerweise haben diese Kassenordinationen den Auftrag, einer Zentrale die Zahl der Influenza-Fälle zu melden. Sie sind sehr gute Fühler im Geschehen, wann eine Influenza-Welle im Kommen ist, den Peak erreicht und wieder abflaut. Wir haben ja 4000 Allgemeinpraxen in Österreich. Die Zahl der Sentinel-Praxen könnten wir verzehnfachen und sie mit PCR-Tests für das Coronavirus ausstatten. Natürlich müsste man die Logistik aufbauen, die diese Tests rasch auswerten, aber es wäre eine gute Möglichkeit, um auch regional zu sehen, ob etwas im Kommen ist. Wo notwendig, könnten wir einzelne Regionen strenger herunterfahren, anstatt ganz Österreich wieder in den Shutdown zu schicken. Außerdem könnte man die Corona-App gut nutzen.

Und wenn wir das alles überstanden haben?

Martin Sprenger
Martin Sprenger

Dann kommt die dritte Phase, die vom Ausmaß der Herdenimmunität bestimmt wird. Für die Seuchenbekämpfung macht es einen Unterschied, ob ein Prozent, fünf, zehn, 15 oder 20 Prozent der Bevölkerung immun sind.

Laut Sora-Studie, die die Bundesregierung präsentierte, hat maximal ein Prozent der Bevölkerung die Krankheit bereits gehabt. Ist das bereits eine Aussage über Immunität, zumal eine überstandene Infektion immun machen sollte?

Von der Sora-Studie auf das Ausmaß der Herdenimmunität zu schließen, ist Nonsens. Wir wissen nicht, ob der Kontakt mit dem Virus für eine ausreichende Immunantwort sorgt, oder wenn ja, wie lange sie anhält. Außerdem hatten in manchen Regionen 20 Prozent die Krankheit bereits. Die Sora-Studie besagt wenn überhaupt nur, wie viel Prozent der Getesteten zu einem bestimmten Zeitpunkt Corona-positiv waren, wobei der PCR-Test keinen aktiven Infekt, sondern nur Viren-Partikel in Speichel und Rachen feststellt. Wenn wir sicher wissen wollen, ob jemand immun ist, brauchen wir wahrscheinlich einen zweizeitigen Test ähnlich wie bei HIV, den wir nicht haben.

Müssen wir die gesamte Bevölkerung testen?

Wir werden uns überlegen müssen, wie wir möglichst alle auf ihre spezifischen Antikörper gegen Covid-19 testen können. Wir sollten beim Pflegepersonal anfangen und vielleicht im Endeffekt, öffentlich oder privat finanziert, alle Menschen in der Bevölkerung testen, entweder mit Drive-Through-Tests oder mobilen Test-Points. Das wird selbst nach der Impfung so sein müssen, weil wir ja nicht wissen, wie lange der Antikörper-Titer anhält. Wir können uns Risikopersonen nur nähern, wenn wir wissen, dass wir immun sind. Diese Information könnte man auf der E-Card speichern. Das wäre eine gute Gelegenheit, um die Elektronische Gesundheitsakte einzusetzen.

Irgendwann muss die Herdenimmunität steigen.

Ja, entweder auf natürlichem Weg oder mittels einer Impfung. Für die künftige Strategie macht es einen großen Unterschied, ob ein Prozent oder 20 Prozent der Bevölkerung bereits infiziert waren - und hoffentlich immun sind. Ob wir uns dann für eine Strategie der Unterdrückung von Infektionen oder mehr Freiheiten für Niedrigrisikopersonen entscheiden sollen, müssen Nutzen-Schaden-Analysen zeigen. Ich gehe davon aus, dass wir bis Ende April Antikörpertests haben, mit denen wir in repräsentativen Bevölkerungsgruppen serologische Querschnittstudien machen können.

Wann ist die Herdenimmunität erreicht?

Wenn eine Person drei weitere ansteckt, müssen 66 Prozent immun sein. Dann nämlich trifft ein Infizierter auf zwei Drittel immune Personen und kann nur eine von drei anstecken, und das ist das Ziel: Irgendwann geht dem Virus die Luft aus. Wenn aber eine Person nur zwei weitere ansteckt, haben wir Herdenimmunität bei 50 Prozent. Bei einem Anteil von 20 Prozent Immunität sind wir vom Ziel weniger weit entfernt als bei einem Prozent. Entscheidend bei allen Strategien ist die Wahrung des Schutzes der Krankenversorgung.

Es wird an zahlreichen Therapien gearbeitet. Wäre das eine Lösung?

Für mich ist eine erfolgreiche antivirale Therapie eher ein unwahrscheinliches Exit-Szenario, weil solche Medikamente selbst für Risikogruppen ohne Nebenwirkungen und letztlich auch leistbar sein müssen. Wahrscheinlicher ist eine effektive Impfung.

Warum sind Sie aus der Corona-Task-Force des Gesundheitsministeriums ausgeschieden?

Es war beeindruckend, wie weit die Regierung im Denken war, sie hat frühzeitig und hervorragend reagiert. In der Phase des Shutdown war virologisch intensivmedizinische Expertise ausreichend. Aber ich hätte gerne gehabt, dass wir einen breiteren Blick auf das Geschehen entwickeln. In den kommenden Wochen braucht es einen offenen und transparenten Diskurs mit der Bevölkerung. Die Mitgliedschaft war freiwillig, genauso unkompliziert war mein Ausstieg. Jetzt habe ich meine wissenschaftliche Freiheit zurück.