"Wiener Zeitung": Mehr als 300 Medikamente, Therapien und Impfungen gegen Covid-19 werden zur Prüfung vorbereitet. Welche sind am vielversprechendsten?

Werner Lanthaler: Wer heute sagt, er wisse, welches Medikament am vielversprechendsten gegen Covid-19 ist, handelt mit Informationen, die er noch nicht hat. Dieses Wissen wird erst in den nächsten Monaten systematisch generiert. Dabei ist es wichtig, so wie bei der klinischen Entwicklung anderer medizinischer Therapeutika auch, zuerst eine Hypothese aufzustellen, dann mögliche Kandidaten präklinisch vorzubereiten und sie erst dann am Menschen zu testen. Das Schlimmste wäre ein Schnellschuss bei Covid-19, der mehr Nebenwirkungen auslöst, als er klinische Vorteile bringt.

Werner Lanthaler, geboren 1968, im oberösterreichischen Eggelsberg, ist Chef des Wirkstoffforschungsunternehmens Evotec in Hamburg. Zuvor war er Finanzvorstand von Intercell in Wien. afp/ Gabalda - © AFP
Werner Lanthaler, geboren 1968, im oberösterreichischen Eggelsberg, ist Chef des Wirkstoffforschungsunternehmens Evotec in Hamburg. Zuvor war er Finanzvorstand von Intercell in Wien. afp/ Gabalda - © AFP

Wie kann man sie zeitnah testen?

Indem man zum Beispiel einen großen klinischen Versuch aufbaut, an dem 5000 Menschen teilnehmen, und dann innerhalb von großen Gruppen von 1000 Menschen mehrere Arme aufbaut von zehn mal 100 Personen. Tests lässt man innerhalb dieser zehn Arme im selben Zeitraum nebeneinander ablaufen, damit die klinischen Effekte zwischen diesen Patientengruppen vergleichbar sind.

Sie müssten also jeder Hundertschaft einen anderen Medikamenten-Kandidaten verabreichen?

Genau. Und wir müssten einer Hundertschaft ein Placebo geben. Dann hätten parallel so viele Informationen wie möglich, die unvoreingenommen generiert wurden. Solche Versuchsreihen aufzubauen ist eine der großen Initiativen, die angeführt von internationalen Organisationen - wie den National Institutes of Health in den USA oder der britischen Universität Oxford - vorbereitet werden. Die Testreihen sollen in den nächsten Wochen passieren. Es wird weltweit Centers geben und ich bin sicher, dass auch österreichische Kliniken mitmachen werden.

Pharmafirmen arbeiten gemeinsam gegen Covid-19?

In der (am Donnerstag bekannt gegebenen) Initiative "Covid R&D" haben sich 17 führende Pharma- und Biotechfirmen mit Risikokapitalgebern zusammengetan, um die Entwicklung von Therapien und Impfstoffen zu beschleunigen, mit Fokus präklinische und klinische Umwidmung, präventive Impfstoffe, neuartige Antikörper, neue niedermolekulare Ansätze. Evotec übernimmt präklinische Ansätze für die weitere Entwicklung als Wirkstoff.

Wie vereinbart sich die Initiative mit kommerziellen Eigeninteressen?

Jeder sieht, dass es jetzt sehr schnell gehen muss, und dass der kommerzielle Schaden, den ein Virus auslöst, dramatisch größer ist als der kommerzielle Vorteil, den ein einzelnes Unternehmen von einem Medikament hat. Die beste Lösung ist es, schnell ein wirksames Medikament zu finden, auch im wirtschaftlichen Sinn. Somit hat jeder einen Anreiz, zusammenzuarbeiten, und - was ja sonst in der Pharmaforschung eher unüblich ist - Informationen zu teilen. Das heißt nicht, dass wir Wettbewerb ausschließen, aber wohl, dass wir die Wettbewerbshürden dramatisch herunterschrauben. Das Expertensprachrohr "BioWorld" führt (Donnerstag) 264 Ansätze an, davon 191 therapeutische Substanzen und 73 Impfstoffe.

Remdesivir gegen Ebola und Chloroquin gegen Malaria gelten als Hoffnungsträger. Warum?

Bei diesen Medikamenten gibt es gute, wissenschaftliche Anfangshypothesen. Damit haben diese Unternehmen im Moment ein bisschen mehr Daten als andere. Aber das heißt nicht, dass die Daten unbedingt besser sind. Die Industrie hat verstanden: Jetzt ist unser Moment, zu liefern. Es könnte viele Sieger geben, weil sich Covid-19 nicht in einer einzigen Symptomatik äußert. Alles, was sich in der Betreuung von Patienten mit Infektionskrankheiten aufbereiten lässt, ist gut, denn die Versorgung bei Infektionskrankheiten ist nicht ausreichend.

Gibt es überhaupt ein antivirales Medikament für alle ohne allzu mühselige Nebenwirkungen?

Das probiert man bei der Influenza seit Jahren. Eines der Hauptmerkmale von Viren ist jedoch, dass sie sich rasch verändern. Selbst, wenn man eine Universal-Medizin hätte, könnte sie schon die nächste Erreger-Generation nicht mehr abdecken. Nehmen wir das Dengue-Virus, das vier Stränge hat. Gegen zwei oder drei kann man Medikamente entwickeln, aber der vierte mutiert.

Und warum nimmt man an, dass Medikamente gegen Ebola, Malaria oder HIV funktionieren?

Man hat gesehen, dass sie eine antivirale Wirkung haben. Der Mechanismus stimmt, daher könnte er auch beim Coronavirus eine wesentliche Rolle spielen. Alles, was antiviral wirkt, ist eine gute Voraussetzung, alles, was anti-inflammatorisch wirkt, ebenso.

Die Exit-Strategie ist die Impfung. Die Firma Intercell brachte unter Ihrer Führung eine Impfung gegen Japan B Enzephalitis auf den Markt. Wie schwierig war das?

Das Finden eines Impfstoffs ist schwierig. Der zeitliche Hauptproblemfaktor ist aber, eine klinische Testkette aufzubauen, die beweist, dass das Vakzin ein Nebeneffekt-Profil hat, das eine Impfung, also die Verabreichung an gesunden Menschen, rechtfertigt. Das Letzte, was man bei Gesunden will, sind Nebeneffekte, deren negative Konsequenzen heftiger sind als der Schutz vor einem Virus positiv ist. Die ganz große Unbekannte ist aber, wie man einen Impfstoff so herstellen kann, dass er milliardenfach verfügbar und leistbar ist.

Jetzt muss es schneller gehen. Wie?

Wenn ein Kandidat effizient wirkt, hat man derzeit alles an Unterstützung vonseiten der Behörden sowie eine schnelle Rekrutierung und Finanzierung, weil genügend Momentum in der Industrie da ist. Allerdings weiß heute niemand, welches Produktionsprinzip nötig sein wird. Ein klassischer Impfstoff, der aufgebaut ist wie etwa Masern-Mumps-Röteln, könnte schnell erzeugt werden. Für eine Impfung müssen viele Puzzlesteine in optimaler Form zusammenkommen, Therapien werden wir aber auf jeden Fall bald haben.