Bisher wurde angenommen, dass das Coronavirus bei gesunden Kindern keine oder nur milde Symptome hervorruft. Doch am Montag zeigte sich Frankreichs Gesundheitsminister Olivier Veran beunruhigt, nachdem in Paris 15 Kinder schwer erkrankt waren. Und am Wochenende hatte New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo erklärt, dass im gesamten Bundesstaat 85 mögliche Fälle eines Syndroms bei Kindern untersucht würden, das mit dem neuartigen Coronavirus in Zusammenhang gebracht wird, und bei dem verschiedene Körperteile von entzündlichen Prozessen betroffen sind. Auch aus Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland und der Schweiz wurden Fälle bekannt.

Zu den Symptomen bei Kindern zählen anhaltendes Fieber, Hautausschlag, Bauchschmerzen und Erbrechen. Sie ähneln jenen des Kawasaki-Syndroms, das bei Kindern und Jugendlichen zu einer Entzündung der Gefäßwände im gesamten Körper bis zu den Herzkranzgefäßen führt. Zu den Ursachen ist wenig bekannt. Forscher vermuten, dass eine Fehlreaktion des kindlichen Immunsystems auf Schnupfenerreger oder auf Erkältungs-Coronaviren der Auslöser sein könnte.

"Die Frage ist, ob Sars-CoV-2 bei entsprechender genetischer Prädisposition Mitverursacher von Kawasaki ist", sagt Susanne Greber-Platzer, Leiterin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien, zur "Wiener Zeitung". Sie bestätigt: "Selbst gesunde Kinder ohne Vorerkrankungen können schwere Verläufe von Covid-19 erleiden. Da sie in der Regel kompetente Immunsysteme, eine gute Lungenfunktion und gesunde Herzen haben, passiert dies aber äußerst selten. Zumeist liegen selbst hier zusätzliche unbekannte Erkrankungen vor."

Unklar ist, ob die bisher gemeldeten Fälle kausal mit der Corona-Pandemie zusammenhängen. Zwar wurden bei einigen der Kinder Hinweise auf eine Infektion mit dem Virus gefunden, doch nicht bei allen. Zudem stellte der japanische Kinderarzt Tomisaku Kawasaki die nach ihm benannte Erkrankung bereits 1961 vor. Es gab sie also schon, als das Coronavirus noch nicht grassierte.

Entzündungsreaktionen

Sars-CoV-2 löst Entzündungsreaktionen in der Lunge aus, die die die Zellen so stark schädigen können, dass Flüssigkeit aus den Lungenbläschen austritt, was zu Lungenversagen führen kann. Selbst der Herzmuskel kann von der Infektion befallen werden. Wenn das Immunsystem dies verhindert, passiert wenig. Da Kinder in der Regel bessere Immunsysteme haben als Ältere, können sie dem Virus gut entgegen wirken.

Kawasaki wiederum "kann als Dauer-Effekt Schäden an den Gefäßwänden auslösen, die zu Aneurysmen (Ausbuchtungen, Anm.) führen", erklärt Greber-Platzer. Aneurysmen-Risse können zum Tod führen. Um all dies zu verhindern, wird das Kawasaki-Syndrom mit Immunglobulinen, Cortison und Aspirin behandelt. "Auch Coronaviren führen zu Entzündungen an Gefäßen und vermutlich sogar an den Herzkranzgefäßen. Langfristig wird man sehen, ob auch Sars-CoV-2 Aneurysmen verursacht", erläutert die Expertin mögliche wenig erfreuliche Folgeschäden, die Covid-19 zu einer gefährlichen Krankheit machen - obwohl der Großteil der Infizierten mit leichten Symptomen davonkommt. "Covid-19 ist eine extrem komplexe Krankheit, die massive Schädigungen an Lunge und Herzmuskel auslösen kann, wenn es zu einem massiven Viren-Befall kommt", warnt Greber-Platzer.

Da Kinder dieselbe Virenlast wie Erwachsene tragen, sind sie nicht nur ebenso ansteckend, sondern sogar im Säuglingsalter gefährdet. Hier kann sich Sars-CoV-2 auch in Fieber, Schläfrigkeit und Muskelschwäche äußern, berichtet das Trousseau-Krankenhaus in Paris, wo fünf Säuglinge von höchstwahrscheinlich an Covid-19 erkrankten Eltern diese Symptome, zeigten, die aber mit fiebersenkenden Mitteln abklangen.

In Österreich existiert laut Greber-Platzer ein Pandemieplan für Intensivbetten für Kinder mit Covid-19. Bisher sei noch kein schwerer Fall bekannt.