Erste erfolgreiche Ergebnisse eines möglichen Impfstoffs gegen die neuartige Lungenerkrankung Covid-19 am Menschen: Von "positiven Zwischenergebnissen" mit dem Vakzin mRNA-1273 berichtet die US-Pharmafirma Moderna und sorgt für Optimismus auch bei Investoren.

In einem Interview mit dem US-Sender CNBC sprach am Dienstagmorgen eine US-Gesundheitsexpertin davon, dass in der Testreihe "acht von 45 Probanden eine signifikante Immunreaktion" gezeigt hätten. Das ist nicht viel. Dennoch ist die Nachricht ein Silberstreifen am Horizont. Bisher gibt es keinen zugelassenen Impfstoff gegen das Virus Sars-CoV-2, das Covid-19 auslöst. Er gilt als die entscheidende Waffe im Kampf gegen die Pandemie, die die Welt seit Monaten im Griff hat.

Laut dem Unternehmen würde der Impfkandidat das menschliche Immunsystem dazu veranlassen, neutralisierende Antikörper gegen Sars-CoV-2 zu erzeugen, ähnlich wie bei Menschen, die genesen, weil ihr Immunsystem das Virus erfolgreich bekämpft. "Obwohl sie als vorläufig zu betrachten sind, zeigen die Zwischenergebnisse der ersten Phase, dass eine Impfung mit mRNA-1273 eine Immunreaktion in der gleichen Größenordnung auslösen kann, wie sie durch eine natürlich ausgelöste Infektion hervorgerufen wird", gab Tal Zaks, medizinischer Leiter von Moderna, das das Vakzin mit der US-Gesundheitsbehörde NIH entwickelt, am Montagnachmittag bekannt.

Den Patienten im Alter von 18 bis 55 Jahren wurden jeweils zwei Dosen verabreicht. Der Impfstoff habe sich als sicher und gut verträglich erwiesen. Die zweite Studienphase an einer größeren Zahl von Probanden werde demnächst beginnen, sagte Zaks. Die dritte, letzte und wichtigste Phase der klinischen Tests solle im Juli starten. Sie ist ausschlaggebend für eine Zulassung. Investoren reagierten zum Teil euphorisch. Die Aktie des US-Biotechunternehmens legte am Montag um mehr als 20 Prozent zu, womit die Marktkapitalisierung von Moderna stieg.

"Menschen werden wahrscheinlich immun"

Die vollständigen Ergebnisse der ersten Phase wurden allerdings noch nicht veröffentlicht. "Die Zwischenergebnisse sind ermutigend, aber sie sind ohne Bekanntgabe der Titer schwer zu interpretieren", schreibt "Biocentury", ein Informationsportal für die Biotech-Branche. (Der Impftiter gibt Auskunft, ob Antikörper gegen Erreger vorhanden sind.)

"Mehr als 100 Impfungen befinden sich derzeit in Evaluierung", kommentierte Christoph Steininger von der Universitätsklinik für Innere Medizin in Wien im Telefonat mit der "Wiener Zeitung" die US-Resultate. "Warten wir ab, was die Daten weiter zeigen."

Steininger zeigte sich zuversichtlich, dass ein wirksamer und sicherer Impfstoff gegen Covid-19 gelingen wird. "Studien zeigen, dass Menschen, die die Infektion durchgemacht haben, qualitativ hochwertige, neutralisierende Antikörper erzeugen, die sehr wahrscheinlich vor einer Neuinfektion schützen, entwickeln", erklärte er. "Das ist auch das Ziel einer Impfung und die Voraussetzung für eine solche. Sollte sich das Virus nicht dramatisch verändern, ist zu erwarten, dass sie schützt."

Immer wieder rütteln Berichte, wonach Geheilte die Krankheit erneut bekommen, an solchen Hoffnungen. Steininger zweifelt die Richtigkeit der Berichte an. "Es gab Fälle, wo Menschen zwei Mal erkrankten, aber unklar war, wie das passieren konnte. Ich gehe von Laborfehlern oder anderen Problemen mit der Identifizierung aus."

Die London School of Hygiene & Tropical Medicine  listet weltweit fast 160 Projekte auf, die an einem Impfstoff forschen. Elf Kandidaten werden bereits in klinischen Studien am Menschen getestet, die meisten so wie bei Moderna in Phase I. Österreich spielt an vorderster Front mit. Das Wiener Bioscience-Unternehmen Themis baut in den normalen Masern-Virus-Impfstoff fremde Antigene und Proteine ein, um Sars-CoV-2 über sein charakteristisches Spike-Protein anzugreifen.

Damit eine Impfung die Pandemie zum Stillstand bringen kann, muss sie in riesigen Mengen erzeugt und verabreicht werden. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass es allein bis zur Marktreife zwölf bis 18 Monate dauern wird.

Schon etwas früher könnte ein Medikament zur Verfügung stehen. Die Wirksamkeit mehrerer Therapien gegen schwere Covid-19-Erkrankungen untersucht seit März eine große, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierte Studie. Auch vier österreichische Zentren nehmen teil. Wie die "Wiener Zeitung berichtete, haben sich weiters 17 Pharma- und Biotechfirmen Rahmen der Initiative "Covid R&D" mit Risikokapitalgebern zur Entwicklung von Therapien und Impfstoffen zusammengetan. Eine Studie mit 5000 Probanden soll die aussichtsreichsten Kandidaten testen.

Den Feind immer besser kennenlernen

Die Ansätze reichen von bekannten Generika, wie etwa der Malaria-Prophylaxe Hydroxychloroquin, über experimentelle kleine Moleküle, wie dem Ebola-Medikament Remdesivir, bis hin zu Antikörper-Therapien, die die Immunantwort herunterfahren, sobald diese beginnt, zerstörerisch zu werden, was bei Risikopatienten von Covid-19 passieren kann. Experten gehen davon aus, dass insbesondere eine Kombination von Wirkstoffen das Coronavirus zähmen könnte.

Eine solche muss das zackenförmige Spike-Protein, mit dem sich das Virus über den Rezeptor Ace-2 den Weg von der Zelloberfläche ins Zellinnere bahnt, unschädlich machen. Zu diesem Zweck wollen Forscher den Feind besser kennenlernen. Sie arbeiten an hochauflösenden Bildgebungsverfahren, um das Virus detailgenau darzustellen und so neue Angriffsflächen auf dem Erreger zu finden, um ihn unschädlich zu machen.