Transparenz, Verfügbarkeit von Daten und hochwertige Schnelltests sind die Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen die befürchtete zweite Welle der Coronavirus-Pandemie. Zu diesem Schluss kamen Experten am Montagabend bei einer Diskussion der Reihe "Digitaler Salon" der Initiative "TU-Vision 2025+" zur Strategieausrichtung der Technischen Universität Wien. Unter dem Titel "Virus, quo vadis?" stand zur Debatte, welche Maßnahmen bereits erfolgreich waren und wie die Welt jetzt, angesichts geringer Infektionsraten und Lockerungen, vorgehen muss, um eine neuerliche Virus-Ausbreitung verhindern.

Man müsse testen, testen, testen, hatte schon Bundeskanzler Sebastian Kurz am Höhepunkt der Pandemie im März festgelegt: Grundlegend sei die genau Kenntnis der Infektionsraten. "Aus ökonomischen Gründen stellt sich aber die Frage, wie viele Testungen nötig sind und welche Personengruppen getestet werden sollen", leitete Ko-Organisator Gerhard Schütz vom digitalen Salon die Diskussion ein. Wie würde ein perfekter Test aussehen?

"PCR-Tests (die eine Ansteckung mit Sars-CoV-2 über das Erbgut des Virus im Körper nachweisen, Anm.) sind von der Qualität her sehr gut zur Detektion von akuten Infektionen im Labor. Es fehlen aber Schnelltests, die vor Ort gemacht werden können", sagte der Linzer Biophysiker Max Sonnleitner, Gründer und Chef der Firma Genpseed, die an solchen diagnostischen Schnelltests arbeitet. Dasselbe gelte für Antikörpertests, die Aufschluss geben, ob Genesene immun sind. Wann er damit so weit sein will, wollte Sonnleitner nicht sagen. "Das ist wegen der Zulassungsverfahren offen. Mein Eindruck ist aber, dass wir Cluster und Superspreader mit Schnelltests einschränken können."

Da PCR-Tests erst dann verlässlich anschlagen, wenn Symptome auftreten, blicken sie in der Zeit zurück. "Mittlerweile ist aber bekannt, dass die Infektiosität genau einen Tag vor den Symptomen am größten ist", erklärte Sonnleitner.

Neue Modelle müssen her

Könnte man die Ansteckung früher erkennen, gäbe es weniger Kranke, bekräftigte Stefan Thurner, Professor für die Wissenschaft komplexer Systeme an der Medizinuni und Chef des Complexity Science Hub in Wien. "Wenn wir die Leute nur einen Vierteltag früher aus der Infektionskette brächten, könnten wir die Zahl der Todesfälle halbieren. Jede Stunde macht da etwas aus", betonte er.

Welche der getroffenen Maßnahmen hatten großen Nutzen, welche eher marginale Relevanz? Haben sich die Annahmen über Risikogruppen und Verbreitung bestätigt, fragte Walter Hämmerle, Moderator und Chefredakteur der "Wiener Zeitung", in die Runde.

"Manche ja, manche nein, das ist der Kern des Problems", antwortete der Mathematiker Niki Popper, bekannt für vergleichende Modellierung und Simulation. In den letzten Wochen erlangte er durch seine Computermodelle zur Covid-19-Pandemie überregionale Bekanntheit. "Es gab stets ein aktuelles höchstes Gut - Zahl der positiv Getesteten, Dunkelziffer, Zahl der Menschen in Intensivstationen. Die hohe Todesrate in Schweden hat aber gezeigt, dass man nicht draußen die Epidemie ihr Unwesen treiben lassen und zugleich Risikogruppen schützen kann." So gesehen habe Österreich mit seinen früh getroffenen strengen Maßnahmen richtig gehandelt.

Vor dem Hintergrund der Debatte um das Risiko für Kinder, in der der deutsche Virologe Christian Drosten am Dienstag bekräftigte, dass Kinder eine ähnlich hohe Viruslast wie Erwachsene hätten, wünscht sich Popper, dass bis zur Sommerpause in den Schulen getestet werden soll. Setzen wir Testkapazitäten in diesem Sinne ein? "Nein", sagte der Mathematiker.

Dazulernen ist das Motto der Zeit. Auch für die Modellierer. Und neue Modelle müssen her. "Die letzten Wochen waren ein Super-Experiment in freier Wildbahn, sagte Thurner, denn: "Unsere Differenzialgleichungsmodelle gehen von der zentralen Annahme aus, dass jeder jeden anstecken kann. Wenn aber soziale Netzwerke wie in Zeiten des Lockdown dünn werden, kann jeder nur wenige anstecken. Dann führen die Modelle zu falschen Ergebnissen." Die exponentielle Startphase habe gut funktioniert, doch jetzt müsse nachgebessert werden. "Welche Maßnahmen zu welchem Zeitpunkt in welchen Kombinationen zu welchen Ergebnissen führen, das müssen wir herausrechnen."

Auch zum Virus selbst sind viele Fragen offen. "Man weiß nicht genau, warum manche Menschen offenbar eine höhere Viruslast in sich tragen und vielleicht ansteckender sind", nannte Reingart Grabherr, Professorin für Molekulare Biotechnologie an der Universität für Bodenkultur, eines der Rätsel. "Aber man weiß, dass die Viren menschliche Nähe und Feuchtigkeit - etwa bei Großveranstaltungen - am liebsten haben. Evidenz gibt es nur beschränkt, aber so weit wir sie haben, funktioniert es gut."

Föderalismus nicht hilfreich

"Die Dramatik der Ereignisse hat am Anfang sehr geholfen, evidenzbasiert zu entscheiden", erklärte wiederum Giovanni Grillari, Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Experimentelle und Klinische Traumatologie in Wien. "Durch einen weltweiten Schulterschluss konnten wir eine unglaubliche Lernkurve hinlegen." Beispiele: Sars-CoV-2 wurde sequenziert, es wurden PCR-Tests aufgesetzt, Virus-Hüllproteine hergestellt und die epidemiologischen Daten mit Supercomputern berechnet.

In Österreich scheint es allerdings ein Problem mit der Zugänglichkeit von Daten zu geben. Popper bezeichnete die Datenlage als "mittelalterlich, wir wissen nicht einmal, wie viele Menschen moribund sind". Denn genau jenes System, das zentrale Einsparungen unterbindet, weil es Informationen nicht den Behörden in Wien preisgibt, erschwert Forschungsteams die Arbeit: "Die förderale Struktur des Gesundheitssystems steht uns im Weg bei Dingen, die für die Gesellschaft gefährlich sind", sagte Thurner "Wir haben nicht deswegen mehr Intensivbetten, weil wir nicht wissen, wie viele Menschen drinnen liegen. Und jetzt brauchen wir Info über Cluster und Superspreader." Es bleibt somit sehr viel zu tun.