Neben der Arktis ist die Karibik die letzte Region, die der Mensch vom amerikanischen Kontinent aus besiedelt hat. Bisher war jedoch wenig darüber bekannt, wie der Auszug vom Festland in den tropischen Teil des Atlantik im Detail unternommen wurde. Ein internationales Forschungsteam wirft neues Licht auf die Geschichte. Anhand von genetischen Analysen berichtet es im Fachjournal "Science" von mindestens drei Auswanderungswellen auf die karibischen Inseln.

"Die Ergebnisse geben Einblicke in die frühe Migrationsgeschichte der Karibik und verbinden die Region mit dem Rest des amerikanischen Kontinents", wird Hannes Schroeder vom Globe Institut der Universität Kopenhagen in einer Aussendung des Max Planck Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena zitiert: "DNA-Analysen vervollständigen die archäologischen Daten und damit das Bild der Geschichte."

Canimar Abajo in der Bucht von Matanzas auf Kuba ist eine von 16 untersuchten Ausgrabungsstätten. - © Esteban Grau Gonzalez
Canimar Abajo in der Bucht von Matanzas auf Kuba ist eine von 16 untersuchten Ausgrabungsstätten. - © Esteban Grau Gonzalez

Knochenstücke von 93 Inselbewohnern

Bisher wusste man aus archäologischen Funden, dass die ersten Siedler vor rund 8000 Jahren Barbados, Kuba, Curaçao und St. Martin, Hispaniola und Puerto Rico erreichten und sich vor etwa 5000 Jahren auf den großen und kleinen Antillen verteilt hatten. Über die Etappen die Kolonialisierung und und die Herkunft der Siedler gab es nur Vermutungen auf der Basis von stilistischen Vergleichen von Handwerksobjekten, die auf den Inseln und auf dem Festland gefunden wurden.

Das Forschungsteam analysierte die Genome von 400 bis 3200 Jahre alten Knochenstücken von 93 Individuen, deren sterbliche Überreste in 16 archäologischen Stätten der Karibik gefunden wurden. Dabei standen sie vor einem Problem: Im warmen, oft feuchten tropischen Klima überdauert das Erbgut den Lauf der Zeit schlecht. Anders als in Eis oder Wüstensand, wo sie sich konserviert, zerfällt DNA in den Tropen in winzige Bruchstücke, die sich mit Mikroorganismen vermischen. Aus derart verunreinigten Proben lässt sich Menschen-DNA selbst mit modernsten Methoden nur schwer isolieren. Bisher konnte das Genom bloß eines einzigen, vor 1000 Jahren auf den Bahamas verstorbenen Menschen entziffert werden. Schroder hatte diese Arbeit im Jahr 2018 im Fachblatt "PNAS" vorgestellt.

Um die klimatisch bedingten Hürden bei noch weiteren Individuen zu nehmen, konzentrierten sich die Forscher auf deren härtesten Überreste, nämlich die Zähne oder das Felsenbein im Innenohr. Mit einer Methode namens "hybridization capture" steuerten die Max-Planck-Spezialisten um Katrin Nägele das menschliche Erbgut in den Knochenfunden gezielt an. Auf diese Weise konnten sie ausreichend genomische Information für ein Gesamtbild zusammensetzten.

Laut den Forschern gab es mindestens drei Etappen der Besiedelung. Die ersten zwei führten zur selben Zeit, als sich die Menschen in ganz Nordamerika verteilten, auch in die westliche Karibik. In einer dritten Welle kamen Siedler aus Südamerika in die Antillen.

Obwohl nicht restlos geklärt ist, wie die diese frühen Kolonialisten die Inseln erreichten, verdichten sich laut den Forschenden archäologische Hinweise, dass die Weiten der Meere ihnen kein Hindernis waren. Vielmehr diente die karibische See als eine Art "Meeresautobahn", die Festland und Inseln verknüpfte. "Lange wurde angenommen, dass Jäger und Sammler keine großen Seefahrer waren. Unsere Ergebnisse stellen diese Sichtweise infrage", erklärt Nägele. Die Doktorandin und Erstautorin der Studie verweist auf die hohe biologische Diversität der frühen Einwohner, die darauf hindeute, dass die Regionen immer wieder neu besiedelt worden seien. "Es scheint klar, dass diese Menschen die Seefahrt beherrschen mussten, um die Karibik zu erobern", sagt sie.

Das Team konnte außerdem genetische Unterschiede zwischen den frühen Kolonialisten aus Nordamerika und den späteren aus Lateinamerika nachweisen, die vor etwa 2800 Jahren die Antillen erreichten. "Obwohl beide Gruppen die Inseln bewohnten, haben wir überraschend wenige Hinweise gefunden, dass sie sich vermischten", erklärt Cosimo Posth vom Max Planck Institut für Menschheitsgeschichte. Woher dieses Desinteresse stammt, weiß derzeit noch niemand. Für die Forscher sind die Ergebnisse eine weitere Schicht in der komplexen und vielseitigen Geschichte der präkolumbianischen karibischen Inseln und ihrer Gesellschaft.