Im Zuge der Corona-Pandemie ist die Debatte um eine Impfpflicht in vielen Ländern erneut aufgeflammt – auch in Österreich. Doch die Verordnung von Zwangsmaßnahmen hat zwar Wirkungen, allerdings auch Nebenwirkungen, wie gerade die jüngste Vergangenheit mit Quarantäne, Ausgangsbeschränkungen und Mundschutzverordnung unter Beweis stellt. Eine Impfpflicht wäre allerdings fehl am Platz, urteilten Dienstagabend die Immunologin Ursula Wiedermann-Schmidt und die Sozialwissenschafterin Katharina Paul von der Universität Wien im Rahmen einer "Am Puls"-Online-Diskussion, die vom Wissenschaftsfonds  FWF in Kooperation mit der "Wiener Zeitung" veranstaltet wurde, unisono. Vielmehr bedürfe es einer allgemeinen Aufklärung durch öffentliche Institutionen sowie einer Schwerpunktsetzung auch in Schulen, damit sich Gesundheitskompetenz entwickeln kann, wodurch die Durchimpfungsrate automatisch ansteigen würde.

Renaissance einer Erkrankung

Impfungen besiegten die Pocken, drängten die Kinderlähmung weitgehend zurück und reduzierten die Fälle vieler anderer Infektionserkrankungen. Am Beispiel der Masern zeige sich allerdings, dass es auch zu einer Renaissance einer Erkrankung kommen kann, skizzierte Wiedermann-Schmidt. Während das Masernvirus durch Impfprogramme zwar nahezu ausgelöscht werden konnte, habe nicht zuletzt die parallel dazu aufgekommene Impfskepsis ihr Übriges zum Wiederaufkeimen der Erkrankung beigetragen.

"Solange eine Erkrankung offensichtlich ist und der Schrecken davor groß, ist auch die Impfbereitschaft sehr hoch", betonte die Expertin. Nimmt der Schrecken allerdings ab und werden zudem mögliche Nebenwirkungen sichtbar, komme es zur Umkehr. Das Ergebnis sind rund 90.000 Fälle von Masern in Europa im Jahr 2019. Dennoch nehmen die Expertinnen – mit Verweis auf Skandinavien – Distanz von der viel diskutierten Zwangsmaßnahme.

Am Beispiel Skandinavien sei zu sehen, dass es mit zusätzlichen Informationsangeboten und mehr Bildung im Bereich der Impfpolitik zu höheren Impfraten kommen kann. In Österreich hingegen komme der Gesundheitsbildung zu wenig Bedeutung zu. Damit sich Gesundheitskompetenz entwickeln kann, müsse schon in der Schule angesetzt werden. Nur dann "habe ich Eigenverantwortung und die Möglichkeit, mich frei zu entscheiden", betonte die Immunologin.

Kein adäquates Politikinstrument

Katharina Paul bezweifelt, dass es sich bei der Impfpflicht um ein adäquates Politikinstrument handeln könnte und zitierte aus einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Austrian Corona Panel Projects der Universität Wien. Demnach würde sich zwar die Hälfte der 1500 telefonisch Befragten gegen das Coronavirus impfen lassen, sobald es einen Impfstoff gibt. Eine Impfpflicht gegen das Virus würden hingegen nur 37 Prozent unterstützen. 45 Prozent sprechen sich klar dagegen aus. Impfungen sollten als solidarische Praxis gesehen werden, so die Expertin. "Sie sind nicht mit medizinischen und technischen Fakten zu argumentieren, sondern eben auch mit Werten, die in der Gesellschaft stark verankert sind." Etwa der Solidarität – dass man sich nicht nur selbst schützt, sondern auch andere.

In Österreich orten die beiden Expertinnen noch Nachholbedarf. Besonders die Hausärzte, die die Impfungen tatsächlich durchführen, müssten als Informationsplattform dienen. An der Bereitschaft mangle es nicht, aber "Fragen haben oft keinen Platz beim kurzen Termin für die tatsächliche Impfung", erläuterte Paul. Es brauche mehr Ressourcen auch im niedergelassenen Bereich.

"Wenn man erfolgreich sein möchte, müssen die Informationen von der öffentlichen Hand kommen", betonte Wiedermann-Schmidt. Das Schlechteste sei die Industrie als Informationsgeber. Wie wirkungsvoll etwa Werbespots der öffentlichen Hand sein können, habe sich in der Corona-Zeit gezeigt. Die Bevölkerung sollte die Impfung nicht als Pflicht, sondern als normale Verantwortung wahrnehmen.

"Zu früh und verstörend"

"Die Diskussion um eine Impfpflicht ist zu früh und zudem verstörend", betonte die Medizinerin mit Blick auf das aktuelle noch stattfindende Rennen um eine Vakzine gegen das Coronavirus Sars-CoV-2. Es sei noch schwierig zu sagen, wann es ein Serum geben wird. Die kolportierten zwölf bis 18 Monate hält Wiedermann-Schmidt jedenfalls für "sehr optimistisch". Zwar nehme die Impfstoffentwicklung aufgrund der weltweiten Vernetzung an Tempo zu, "aber der Prozess der klinischen Testung muss immer denselben zeitlichen Ablauf einhalten".

An der Entwicklung eines Impfstoffs wird intensiv gearbeitet, aber wann es ein Serum geben wird, ist schwer zu sagen.  - © APA / AFP, Gannon
An der Entwicklung eines Impfstoffs wird intensiv gearbeitet, aber wann es ein Serum geben wird, ist schwer zu sagen.  - © APA / AFP, Gannon

Zudem wisse man nach wie vor zu wenig. Etwa wie es um die Immunantwort quer durch die Bevölkerung bestimmt sei. Auch herrsche noch Uneinigkeit über eine Impfstrategie. Soll man die gesamte Bevölkerung miteinbeziehen oder sich auf Risikogruppen konzentrieren? Bis der Einzelne den Impfstoff in der Apotheke kaufen kann, werde noch Zeit vergehen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nächstes Jahr der Fall ist", betonte Wiedermann-Schmidt.

Ihr Motto lautet: "Lasst uns verhindern, was verhinderbar ist. Doch: "Ich hoffe, dass wir dazu keine Impfpflicht benötigen."

Beide Expertinnen erachten eine fächerübergreifende Zusammenarbeit als wichtig. Die Medizin und die Sozialwissenschaften sollten viel mehr Hand in Hand gehen. Das ist ein Weg, "der vermehrt wichtig ist".